Der Duft von Freiheit

 

Der Sommer ist fast vorbei als Tim und Joshi wieder einmal im Garten der Loge hocken und sich wegen der spürbar fallenden Temperaturen in die Südwestecke zurückzogen.

Die Zwei gelten im Kreis der übrigen Logenmitglieder als diejenigen, die sich gerne von anderen absetzen – und das nicht nur räumlich.

Tim, der jüngere von Beiden – ein im realen Leben als wirklicher Maurer tätig, zieht tagsüber mit Steinen und Mörtel Mauern hoch.                                                                                                                                                    

Joshi, ein „alter Hase“, auch an Lebensjahren – gelegentlich hielten ihn manche deshalb auch für weise – eine von ihm hingenommene Fehleinschätzung – er kennt seine Schwäche ziemlich genau, hält sich häufig bedeckt, auch wenn er manches Mal zu viel und bestimmend in Diskussionen eingreift. Er versucht meist das letzte Wort zu haben – ein Rechthaber und hat als Pensionär endlich Zeit sich mit den Gedanken zu beschäftigen, die lange ungedacht geblieben sind.

Die Südwestecke des Gartens bietet Vorteile.

Dort ist es am ruhigsten, auch wenn die Bude voll ist und, gerade jetzt ist es der Platz, an dem die Sonne am längsten scheint und für Wärme sorgt. Außerdem kann man sich hier, bei intensiven Gesprächen gelegentlich eine „Tüte“ leisten, ohne dass sofort jemand „schnüffelnd“ dazwischenkommt.

»Sag‘ mal Joshi», zögert Tim zwischen zwei Zügen an seiner Tüte, »glaubst du, dass Menschen mit Freiheit richtig umgehen können?«                                                                                                                             

»Wow Tim«, du stellst vielleicht Fragen, hast du Zweifel oder wieso fragst du das?«                           

Joshi blickt mit einem Schmunzeln auf seinen Freund, weil er ahnt, dass das wieder einmal ein längeres Gespräch würde, an dessen Ende entweder eine Lösung oder weitere neue Fragen stehen, mit denen sie sich in langen Diskussionen beschäftigen werden.

»Nun, Joshi, wir hören doch, dass ‚nur das Gesetz uns Freiheit gibt‘« setzt Tim nach »ich frage mich, ob es nicht gerade die Gesetze sind, die unsere Freiheit beschränken, sie vielleicht verhindern?«

»Was wäre denn, wenn es keine Gesetze gäbe? Wenn wir in einem gesetzlosen Staat leben würden und jeder tun und lassen könnte was er will» Joshi holt tief Luft » wäre das nicht die Voraussetzung für Chaos und grenzenlosen Egoismus und die unbegrenzte Ursache dafür, dass sich die Menschen gegenseitig risikolos bekämpfen könnten?«                                                                                                          

Ehe er weitersprechen kann, setzt Tim erneut an »Der Staat kann mich, uns alle, durch seine Gesetze zu Dingen zwingen, die wir nicht wollen, die ich überhaupt nicht will« 

»Auf was, konkret, spielst du denn an Tim?« fragt Joshi irritiert »du hast doch etwas aktuelles vor Augen«                                                                                                                                                                      

Der Jüngere nickt heftig »Klar, ich frage mich, ob meine Freiheit zum Teufel geht, wenn der Staat von mir verlangt, dass ich mich zum Beispiel impfen lassen muss, weil,  wenn ich es nicht tue, dann verwehrt er mir bestimmte Dinge – du kennst ja die ganzen Vorschriften die erlassen wurden, um diese Krankheit einzudämmen und die angedrohten Konsequenzen mit 2 oder 3G Regel und all dem Zeugs mit Tests und so weiter!«                                                                                                                             

Ob seine Gedanken, oder ein weiterer Zug an der „Tüte“ Ursache für seine Erregung ist, kann man nicht erkennen. Seine Miene und das aufgeregte Spiel seiner Hände zeigen allerdings, dass ihn dieses Thema ziemlich beschäftigen muss.                                                                                                                     

Als ein Zeichen zur Entspannung lehnt sich Joshi auf seinem Stuhl zurück » Na, dann lass‘ uns die Dinge einmal aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten«                                                                         

Aus der Vielzahl gemeinsamer Gespräche kennt er die emotionale Angespanntheit seines Gesprächspartners                                                                                                                                            

»Wurdest du denn zur Impfung gezwungen, bist du geimpft?« und schaut ihn fragend an.                 

»Ich lasse mich nicht zwingen – Ja, ich bin geimpft« kommt es gedämpft zurück.

‎»Warum hast du dich denn impfen lassen« und er kann sich ein Grinsen nicht wirklich verkneifen. »Grins nicht so unverschämt« kommt es maulend zurück »meine Firma wollte das, weil ich doch ständig mit Kunden zu tun habe«                                                                                                                       

 Mit leichtem Kopfnicken folgt ein leicht ironisches »Aha, nicht der Staat, die Firma zwingt dich also« »Aber der Staat ist doch die Ursache für diesen Zwang« schiebt Tim als Ergänzung nach.

»Die Frage sollten wir vielleicht einmal anders stellen«                                                                                    

Joshi richtet sich auf um den folgenden Sätzen durch seine Haltung mehr Gewicht zu geben.

»Albert Pike sagt in Morals and Dogma zur Freiheit, dass die Souveränität über sich selbst Freiheit heißt« und fügt hinzu »im Allgemeinen, also in der Philosophie, oder dem Recht unserer Zeit bedeutet Freiheit, dass sich jeder ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten entscheiden kann«                                                                                                                                                    

Ehe er fortfahren kann, kommt die Gegenrede »Moment, wer legt denn die verschiedenen Möglichkeiten fest, zwischen denen man sich zu entscheiden hat?«                                                             

Tim verschluckt sich fast als er fortfährt »Das ist doch das Dilemma, dass wenn ich mich entscheide, ich mich mit irgendwelchem Ärger der daraus entsteht herumschlagen muss, weil ich zum Beispiel nicht in irgendein Restaurant einfach reingehen kann, ich kann meinem Fußballverein nicht beim Spiel zuschauen oder auch nicht einfach ohne Einschränkungen einkaufen gehen!«

»Muss ich denn schon wieder Alber Pike zitieren?« raunzt Joshi, »weil der sagt, dass wenn sich mehrere Souveränitäten, also sich frei entscheiden könnende Menschen verbinden, das beginnt, was wir heute Staat nennen« Er lässt den Versuch einer Unterbrechung nicht zu und fährt fort »Gemeinsam bilden diese Menschen, diese Souveränitäten, das gemeinsame Recht an das sich dann alle binden, gebunden fühlen und das gilt dann eben für alle – es wird allgemeines Recht durch das gemeinsam herausgegebene Gesetz, was dann als Schutz für alle gilt und dieser Schutz von jedem für alle, das wäre die Brüderlichkeit, von der wir gerade in den Logen ständig sprechen, um nicht zu sagen, predigen«

Einen Augenblick herrscht Stille, beide schauen sich in die Augen und nacheinander nimmt jeder einen starken Zug aus seiner „Tüte“. Die vorausgegangenen Worte scheinen zu wirken – die nachdenkliche Stille hält an. Gedanken rattern durch Gehirne, Textstellen erscheinen vor geistigen Augen, längst vergangene Gesprächsfetzen klingen in Ohren nach und es bilden sich Formulierungen zu Rede und Gegenrede.

Schließlich schaut Tim stirnrunzelnd zu Joshi und meint trocken »Du behauptest also allen Ernstes, dass die Einhaltung von Gesetzen etwas mit Brüderlichkeit zu tun hat?« »Absolut« stößt der barsch aus »auch wenn das vielen unverständlich erscheint und einige das für Quatsch halten, aber wenn ich mich in einer Gemeinschaft beheimatet sehe, dann sollte ich die Mitglieder brüderlich behandeln, egal es sich um die Loge, die Familie, meine Kommune oder es sich eben um den Staat handelt, in dem ich lebe.«

»Respekt«, pflichtet ihm der Andere bei, um zu ergänzen »auch wenn ich das weder nachvollziehen kann, noch weil ich das im täglichen Leben kaum feststellen kann, ja selbst innerhalb unserer Loge verhalten wir uns nicht immer ausgesprochen brüderlich« 

Joshi nickt, kommt aber nicht mehr zu einer Antwort, weil sich unbemerkt jemand genähert hat, den sie beide nicht kennen, ihnen aber irgendwie bekannt vorkommt.                                                   

 »Interessanter Dialog, den ihr führt« brummt es aus einem weißgrauen Bart, der zu einem Uniformierten gehört, der ihnen anscheinend schon eine Weile zugehört hat und sich offenbar in das Gespräch einschalten möchte.

»Hören Sie schon lange zu und wie kommen Sie überhaupt hierhin und überhaupt – Wer sind Sie?« erhebt sich fragend Joshi, setzt sich aber sofort wieder, schüttelt den Kopf, schaut zu Tim                       

»Das glaube ich nicht – siehst und hörst du was ich höre und sehe?«

»Ich glaub‘ ich spinne – Pike? Albert Pike?«  »Das muss eine Halluzination sein!« stammelt Tim und Joshi meint »ganz ruhig, das geht vorbei«, was den Bärtigen zu der Bemerkung:                                    

 »Meine Herren, beruhigen Sie sich, lassen Sie uns ihre Gedanken zu Ende und zu Konsequenzen führen« veranlasst. Und mit seiner tiefen, sonoren Stimme fährt er dozierend fort:                                    

»Der Mensch ist ein frei Handelnder, obwohl Allmacht über ihm und überall um ihn herum ist«             

Die Beiden lauschen gebannt weiter den Ausführungen: »Um frei zu sein, Gutes zu tun, muss er auch frei sein, Böses oder das Falsche zu tun. Das Licht bedingt den Schatten. Ein Staat ist so frei wie ein Individuum in jeder Regierung, die diesen Namen wert ist.«                                                                           

Mit offenen Mündern lauschen sie seinen weiteren Ausführungen: »Der Staat ist weniger stark als jedwede Gottheit und daher steht die Freiheit des einzelnen Bürgers im Einklang mit seiner Souveränität.«                                                                                                           

Der Hinzugekommene schließt seine Ausführungen mit den Worten: »Prediger von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wünschen sich das zu erreichen, indem sie Menschen dazu bringen wollen, solche Lehren zu empfangen durch die moralische Kraft intelligenter und erleuchteter Leute«  um abschließend zu bemerken: »um zur Erkenntnis der großen Wahrheit zu kommen, ist es nötig, dass die Freiheit der Eignung zur Freiheit folgt, als logische Folgerung zu dem als wahr angenommenen Grundsatz«                                                                      um sich danach in einem kaum wahrnehmbaren Nebel zu verflüchtigen, einfach weg zu sein.

Joshi findet als Erster seine Fassung wieder und kann die Frage von Tim: »Was war denn das?« nur mit: »künftig kleinere Tüten« beantworten, was die Stille zwischen den Beiden weiter verlängert.

Nach einer Weile beruhigen sich beide und Tim meint: »Also sollten wir lernen, dass Gesetz und Freiheit kein Widerspruch an sich sind, sondern dadurch, dass sie sich gegenseitig annehmen, gewissermaßen in ihrer Synthese, der Verbindung von Pflicht und persönlich freier Entscheidung ihre Vollendung finden.« »Ich hätte es nicht treffender formulieren können« antwortet Joshi worauf beide ein aus der Ferne ein zustimmendes »So mote it Be« zu hören glauben.

 

©Werner J. Kraftsik