"Der große Baumeister"

 

Als Ritualbeauftragter und Distriktsredner hatte Bruder Arthur C. Clarke viel angespannte Zeit am Schreibpult verbracht. Daher ist er keineswegs unerfreut, als ihn der Logenmeister der „Magic Carpet Lodge“ zu einer ersten Teilnahme auffordert. Er hatte zwar noch nie an einer der inzwischen etablierten Zeitreisen der Bruderschaft teilgenommen, aber fast jeden Bericht nach der Rückkehr der Brüder mit größtem Interesse verfolgt.

Zwei weitere Brüder haben sich im Meisterzimmer eingefunden, um die Instruktionen des Stuhlmeisters Timothy Leary zu folgen. Er überreicht jedem ein eigenartiges in sich gewundenes smartphoneähnliches Gerät:

„Wir nennen die die Dinger noch „Möbiusband-Phone“, weil uns bislang nichts besseres eingefallen ist. Die Bezeichnung Bruder Newtons „Zeitschleife“ fanden wir allerdings ebenfalls etwas sperrig. Aber egal, jedenfalls könnt Ihr damit jetzt den Zeitpunkt Eurer Rückkehr endlich selbst bestimmen. Das sechsstündige Zeitfenster ist somit Geschichte.“

„Wir kennen die Dinger bereits. Bruder Manley P. Hall hat uns auf dem letzten Wochenendseminar eines vorgeführt“, wirft Bruder Anatol Buchwald ein. „Eigentlich war ja der Instruktionsschwerpunkt die Verwendung psychotroper Substanzen, aber wir waren derartig fasziniert von den neuen Geräten, dass wir das Hauptthema auf eines der kommenden Treffen vertagt haben.“

„Es geht bei der anstehenden Reise um Folgendes:“  kommt Bruder Clark wieder zum Thema zurück. „Eine tibetische Lamasekte in Bhutan hat es sich zum Ziel gemacht hat, alle nur erdenklichen Gottesnamen durch Permutation der Laute aufzuschreiben. All die Namen des Allerhöchsten- Gott, Jehova, Manitou oder wie auch immer, sind nur vom Menschen erfundene oder gefundene Bezeichnungen..... Aber irgendwo unter allen möglichen Buchstabenkombinationen verberge sich ihrer Auffassung nach das, was man den: wirklichen Namen Gottes nennen kann!“

„Aber genau deshalb haben wir uns doch den neutralen grossen Baumeister aller Welten einfallen lassen, als Umschreibung für die höchste kosmische Instanz“. Bruder Fabian Hansen erregt sich gern ein wenig, wenn es um konstruierte religiöse Begriffe oder Namen geht.

„Ja sicher, den Mönchen ist auch unsere Begrifflichkeit „Großer Architekt“ durchaus bekannt. Genau deshalb haben sich die Lama-Priester auch an uns gewandt. Unsere Bemühungen, einen Begriff zu schaffen, der es jeglichem Bruder oder jeder Schwester ermöglicht, eine völlig eigene Interpretation mit dieser Bezeichnung zu verbinden ist zumindest für den obersten Lama Tendzin Gyatsho global das fortschrittlichste Angebot und die neutralste Interpretationsfläche,“ erläutert Bruder Clark weiter:

„Die Lamas verpflichteten sich übereinstimmend mit dem Dalai Lama zur Lösung dieser Aufgabe. Um den Prozess etwas zu beschleunigen, weil sie hiermit die Erfüllung des Schicksales ihres irdischen Daseins verbinden und die Lösung aller endgültigen Aufgaben, baten sie zunächst Computerfachleute der Firmen Tesla und Apple hinzu, die ihnen hierfür eine gewaltige Anlage im Kloster des Potala-Palstes in Lhasa installierten. Dieser Computer heißt „Modell V".

Diese westlichen Fachleute haben fast Mitleid mit den Lamas, die sich in ihrem Projekt, das sie „Shangri La „ nennen, mit einer solch irrsinnigen Aufgabe beschäftigen. Überdies befürchten sie aber auch eine Enttäuschung ihrer Auftraggeber, wenn das Computerprogramm ausgelaufen sei, und die ersehnten „Posaunen des jüngsten Gerichts" wie sie es scherzhaft nennen, möglicherweise nicht erschollen sein sollten. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass die chinesische Besatzungsmacht mit ihren Giganten Huawey, Tencent und Alibaba das Projekt mit Argusschlitzaugen überwacht.“

„Was wird denn von uns erwartet“, möchte Bruder Anatol Buchwald abschließend gern wissen.

„Die Lama-Mönche bitten Euch primär um das Schlichten aufgetretener Spannungen und eine Erläuterung unseres freimaurerischen Definitionsweges. Ihr solltet Euren Besuch in Tibet ergebnisoffen angehen.

 

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Die Geo-Koordinaten für ihren Transfer mit dem neuen Neurotransmitter hätten gern etwas präziser sein können.

27°29'30.70"N 89°21'48.18"E hat sie auf dem etwas versteckt gelegenen Abfallplatz direkt hinter dem Paro Taktsang-Kloster landen lassen, das sich wie ein Schwalbennest an den Berghang presst.

Der Duft aromatischer Kräuter übertönt den Geruch eines Hügels mit organischen Abfällen und Buchwald fällt sofort auf, dass man nicht eine einzige Plastiktüte erblicken kann. Auch nicht auf dem daneben gelegenen Abfallplatz mit zerbrochenen Tonfiguren und einem rostigen Fahrrad. „War wohl nicht das ideale Fortbewegungsmittel für ein Dorf am steilen Berghang“ murmelt er vor sich hin.

Als sie sich dem Kloster nähern, kommt ihnen bereits ein Sherpa entgegen, der drei Ponys an den Zügeln führt. Er spricht ein leidliches Englisch und die drei Zeitreisenden erfahren, dass man dieses abgelegene Kloster für ein sehr wichtiges Vorgespräch gewählt habe, weil sich in Lhasa unerwünschte Spannungen aufgebaut hätten.

Der Lama des Klosters, das sie nach kurzem Ritt erreichen, bittet die drei Brüder sich auf die ausgelegten Matten zu setzen und zwei in bodenlange orangefarbene Gewänder gekleidete Mönche servieren ihnen einen wohlschmeckenden Kräutertee, dessen Duft ihnen bekannt vorkommt.

„Sie wissen sicher, dass der große Sequenz-Computer in Lhasa seit Monaten die Namen aller nur vorstellbaren Bezeichnungen für eine übergeordnete kosmische Instanz für uns ausdruckt?“ Der Lama erklärt kurz, dass es ihm leider nicht möglich sein, Ausdrucke vorzulegen, die dieses Gespräch sicherlich etwas konstruktiv untermauern könnten. „Die Papiermengen, die der Computer auswirft, sind unvorstellbar raumgreifend. Einen großen Teil mussten wir bereits in Nachbarklöster auslagern. Dabei haben wir die Namenssuche bereits auf einen Algorithmus reduziert, der in einer systematischen Permutation ausschließlich Namen und Bezeichnungen berücksichtigt, die nicht mehr als 9 Buchstaben enthalten und unsinnige Kombinationen ausschließt.“

Die Zahl Neun erweckt sofort das Interesse der Zeitreisenden. „Dreimal drei“ geht es fast synchron durch ihre Köpfe und Bruder Arthur C. Clark erlaubt sich eine Frage: Was wäre denn aus Ihrer Sicht eine unsinnige Kombination?“

„Nun, beispielsweise, wenn ein Buchstabe dreimal hintereinander auftauchen würde“ erklärt der Lama geduldig.

„Dreimal? Sie wollten sicher „zweimal“ sagen“

„Nein, das ist schon richtig, sie haben sich nicht verhört. Sie würden sich aber wundern, in welche Gewissensnöte wir gerieten, als wir erfuhren würde, dass es durchaus Sprachen gibt, in denen das vorkommt. Und auch diese Menschen haben ihre Götter. Aber es war für Ihre westlichen Techniker kein großer Aufwand, ein entsprechendes Update zu programmieren“.

Dankbar erläutert der Lama, dass die Mönche verschiedener Klöster bereits seit über dreihundert Jahren akribisch alle diese Namen aufgeschrieben hätten und ganz sicher auch stoisch daran weiter gearbeitet hätten, wenn nicht durch den kosmopolitisch orientierten Dalai Lama die Nachricht von den unvorstellbar beschleunigten Möglichkeiten eines Computers zu ihnen gelangt wäre.

„Dieser Computer wird durch seine Buchstabenpermutationen in hundert Tagen etwas vollbringen, wofür wir fünfzehntausend Jahre benötigt hätten“.

 

Mitleid schleicht sich in die Gedanken Clarks ein: „Hoch oben in ihren entlegenen Bergklöstern haben diese Mönche in buddhistischer Gelassenheit Generation um Generation an einer unendlich langen Liste sinnloser Wörter gearbeitet. Wie närrisch doch die Menschen sein können. Aber solche Gedanken darf er sich nicht anmerken lassen, ihr Gesprächspartner vertraut auf ihre Identifikation mit dieser Aufgabe.

 

„Wir haben längst verstanden, dass Sie diese Aufgabe auf sich genommen haben, aber wir haben nicht in aller Klarheit verstanden, warum Sie das tun?“ Buchwald ist etwas unwohl bei dieser Anmerkung.

„Soweit wir informiert sind, ist die Arbeit soweit fortgeschritten, dass der Computer in den letzten Permutations-Zyklus eingetreten ist?“

„Und genau deshalb haben wir Sie um dieses Gespräch gebeten, denn wir wissen nicht, wie Ihre Kultur damit umgehen wird, wenn wir unsere Aufgabe erfüllt haben“. Der Lama schaut besorgt und in sich gekehrt auf den Boden.

„Wir sind überzeugt, dass unsere Aufgabe erfüllt sein wird, wenn wir alle diese Namen aufgelistet haben– und wir schätzen, dass es ungefähr neun Milliarden Bezeichnungen sein müssten. Dann hat sich aus unserer Sicht Gottes Wille erfüllt. Dann haben wir vollendet, wofür wir geschaffen wurden und ein Weiterleben wäre sinnlos. Sie würden das dann wohl „Blasphemie“ nennen.

„Und dann, was sollen wir dann machen? Kollektiven Selbstmord begehen?“ meldet sich erstmal der schweigsame Bruder Elmar Stephan zu Wort. Ihm erscheinen diese Bemühungen ohnehin unsinnig und fast schizophren. Lediglich sein Respekt vor Andersgläubigen hat ihn an dieser Zeitreise teilnehmen lassen.

„Das wird nicht nötig sein. Wenn wir unsere Aufgabe erfüllt haben, tritt der eigentliche kosmische Plan in Kraft und Gott macht Schluss. Einfach so … aus und vorbei.“

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Es geht ihnen definitiv zu langsam voran. Die Gebirgsponys müssen auf dem Weg nach Lhasa zu sehr auf herabpolternde Gesteinsbrocken achten und können sich auch nicht annähernd auf so etwas wie einen schnellen Galopp einlassen. Genau genommen scheint ihnen diese Fortbewegungsart völlig unbekannt sein. Doch selbst, als es dunkler wird, beschleicht die Reisenden zu keinem Zeitpunkt ein Gefühl der Angst. Irgendwie macht genau das diese kleinen Reittierchen wohl perfekt für diesen Job. Sie vermitteln ein Urvertrauen und ein Gefühl der Sicherheit. Aber die reine Gebirgsluft des Himalaya und der riesengroße sternenübersäte Himmel und die majestätischen Gebirgskulissen entschädigen die Brüder. Allein die Ungeduld und die Sorge darum, zu welchen Konflikten der Abschluss dieser gigantischen Aufgabenstellung führen könnte, überschattet diesen Anblick. Deshalb atmen die drei Logenbrüder auf, als sie unten im Tal einen Landrover mieten können.

 

„Wir werden aber kaum rechtzeitig in Lhasa ankommen und der Rechner dürfte möglicherweise bald mit seinem Programm durch sein, oder?“

„Das wird an den Fakten kaum etwas ändern. Aber Du hast recht, ich habe ebenfalls das Gefühl, dass wir unseren Zeitplan erfüllt haben könnten. Schau!“

 

Nun blicken alle drei zum Nachthimmel auf.

 

Über ihnen erlöschen die Sterne.

 


Based on my own oilpainting and bronce-sculpture.

"Great architect of the universe"

Bei dieser Episode verwendet Jens Rusch Kurzzitate und Inspiration der Kurzgeschichte von Arthur C. Clark "Die neun Milliarden Namen Gottes".