Graf Saint Germain

von Frank von Wartensee und Saint von Lux

 

Kapitel 1 - Blankenese

 

Ein Tasse heisser, duftender Tee steht vor mir auf dem kleinem runden Mahagoni- Tisch in der Bibliothek. Earl Grey. Heiß muss er sein, mit einem Citronschnitz. Die Bibliothek ist mir einer der wichtigsten Räume in meinem Hamburger Domizil. Gemütlich sitze ich in einem dieser schweren Ledersessel und genieße ein Buch. Die Standuhr am gegenüberliegenden Ende des Raumes beginnt sanft die Stunde zu schlagen. Sieben Uhr. Der Tag geht in den Abend über. Von draußen sind dumpf die Hörner der Frachtschiffe zu vernehmen, die immer noch in den Hafen einlaufen. Durch die schweren Vorhänge und die geschlossenen Fensterläden der Bibliothek sind sie nur Beiwerk an diesem Abend. Erst am Nachmittag bin ich von einer Reise aus der Schweiz zurückgekehrt.

 

"Aber ich bin unhöflich. Ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Meine Name ist Graf Luzius von Güldenstein, gefürsteter Graf bitte. Erster Sohn und Alleinerbe des Grafen Hermann von Güldenstein aus den deutschsprachigen Landen."

Der Hamburger Hafen ist bereits seit vielen Generationen ein wichtiger Umschlagplatz von Gütern aus aller Welt. Güter die der Familie zu Wohlstand verholfen haben. "In der Zwischenzeit handele ich aber nicht mehr, wie in der Vergangenheit, mit Stoffen und Gewürzen aus Indien. "Pfeffersack" war mir immer ein impertinenter Begriff. Mittlerweile trade ich Edelmetalle und Bitcoins auf der ganzen Welt. Nun, zurückgekehrt von einer erfolgreichen Reise und einem neuen, großen Osmiumkunden in der Schweiz , genieße ich die Vorzüge meiner Hamburger Villa. Wo diese genau liegt, geht sie als Leser wohl kaum etwas an." Bernhard betritt nach leisem Klopfen die Bibliothek. Im gedämpften Licht der Kristalllüster und seinem schwarzen Livreè kann ich Ihn nur erahnen. "Wenn Ihre Herrschaft keinen Wunsch mehr hat, würde ich mich in meine Räumlichkeiten zurückziehen" säuselt er. "Danke Bernhard" erwidere ich ihm, "für heute genügt es."

 

Er tritt ins Licht, verbeugt sich leicht und wünscht mir einen angenehmen Abend. Kaum hörbar verlässt er die Bibliothek. Das Ticken der Uhr ist nun wieder zu hören. Das goldene Pendel schwingt majestätisch im Takt. Mein werter Herr Vater hatte diesen Raum noch einrichten lassen. Bücher aus der gesamten Welt beherbergt dieser Raum, Bücher aus allen Zeitepochen. Schriftstücke, Schriftrollen, Essays und Kuriositäten. Auf seinen Reisen war dies seine Sammelleidenschaft, die er auch mir vererbt hatte. Gerade kommt mir dieser Gedanke, ich erhebe mich galant unter Zuhilfenahme beider Arme aus dem Sessel und durchquere die Bibliothek. Vorbei an den gläsernen Vitrinen, Tischen und dem grossen Globus. Ein wirkliches Schmuckstück der britischen East India Company. Ich kenne diesen Raum wie meine Westentasche. Nachdem ich meine Aktentasche auf dem Schreibtisch geöffnet habe, ziehe ich vorsichtig ein schmalen Karton aus dem Inneren.

 

"Hey Siri" - das Schreibtischlicht einschalten!" - "Ich schalte das Schreibtischlicht ein" wiederholt die SmartHome- Stimme. Im obersten Fach des Sekretärs ziehe ich die weißem Handschuhe hervor, die ich dort für Dokumentenanalysen deponiert habe. Der Karton enthält eine Handschrift des Grafen St. Germain. Ich habe sie gestern in Basel erstanden.  Ein mit Feder geschriebenes Papierstück. Einige Wellen im Papier zeigen, dass es einmal gerollt war. Das untere Ende ist abgerissen. Nicht vollständig. Eine alchemistische Rezeptur. Unbrauchbar. Adressiert an einen gewissen Karl. Aber, laut Quellen ein Original. "Sie müssen noch wissen, dass ich seit Jahren Mitglied der ehrwürdigen Loge "Magic Carpet" in Blankenese bin. Sooft und solang es beliebt, kann man hier 24 Stunden, 7 Tage die Woche verkehren. Oft treffe ich mich im Treppenviertel mit Magnaten aus der Stahl, Kaffee oder der Medienbranche. Adel verpflichtet eben auch." Nach einer Originalhandschrift des Grafen habe ich viele Jahre gesucht. Einst soll er auch Mitglied der MCL gewesen sein.

 

Dieser Mensch fasziniert mich seit langem. Der Graf St. Germain. Der heilige Deutsche. Ich drehe mich und öffne eine eigens für dieses Dokument angefertigte Vitrine. In Pultform. Innen ist sie mit rotem Samt ausgeschlagen. Der Deckel ist verglast, numerische LED Anzeigen für Temperatur, Feuchtigkeit und Luftdruck blinken in zartem rosa. Ich freue mich wie ein Kind als ich das Dokument repräsentativ drapiere und den Deckel wieder verschließe. Die Handwerker hatten den Pult erst vor meiner Abreise in die Schweiz installiert. "Hey Siri, Alarm aktivieren, Vitrine 13!" sage ich mit fester Stimme. "Alarm ist eingeschaltet in Vitrine 13" wiederholt mein Papagei. "Früher gab's einen Schlüssel" denk ich mir im gehen.

 

Kapitel 2 - Louisenlund  

 

"Kaaaaaaaarl!!!!!" Hier Herüber! Eile er sich! Gold, das ist Gold! Wir haben es wieder einmal vollbracht." "Grandios Eure Hoheit!" antwortet ich nachdem ich den schweren Eichentisch umrundet habe. "Paperlapapp- Wird er jetzt wieder förmlich?" fragt mich Leopold. "Er beliebt doch öfters zu scherzen!" antworte ich und schmunzele. "Schau, Karl, schau!, das Opus Magnum ist vollbracht. Die Rubedo ist vollendet. Ich habe es beobachtet. Sie erstrahlte kurz in einem gleissenden roten Licht und…." Leopold klappt die Verdunkelungsgläser seiner Schutzbrille nach oben - "….und erstarrte zu diesem Nugget. Ohne Zweifel es ist Aurum! Karl! Hole er mir geschwind die Säure. Wir möchten es testen." Ich trete an das mir gegenüberliegende Regal und nehme eine braune Flasche. "Oh - ich beuge mich vor dir" höre ich Leopold sagen. " Ich beuge mich vor dir, du göttliche Macht. Alles ist dein Werk: Luft, Erde, Feuer und Wasser. Die Gestirne und der Kosmos. Du Gestalter aller Lebens und aller Kreaturen. Ich erkenne dich im Samenkorn, wie in der Orchidee, im Adler, wie im metallischen Glanze. Oh unsterblicher Geist, nimm mich, einen Wanderer in den Kreis deiner Propheten auf, dass ich geläutert lebe und segensreich wirke. Ein Bruder unter den Brüdern der Sonne."

 

Diesen Ausruf hatte Leopold schon einmal ausgesprochen, damals in Versaille, am Hofe König Ludwig XV. Er gehörte zu den engsten Vertrauten des Sonnenkönigs. Ich erinnere mich, zu dieser Zeit, 1758, grüßten wir uns am Hofe nur mit einer Geste der Güte. Ich kannte diesen Mann nur flüchtig, als Lebemann, er konnte virtuos Violine spielen, unterhielt mit seinen Geschichten ganze Abendgesellschaften und zusammen mit Casanova fand man ihn des öfteren morgens mit der Pompadour in den Betten des Château Trianon. Er war bewandert in Pharmazie, Alchemie, Astrologie, sprach französisch, englisch, russisch, akzentfrei und viele weitere Sprachen, auf jede Frage wusste er eine Antwort. Heute können wir beide über diese Zeiten bei einem guten Port nur schmunzeln. Leopold bezeichne ich als meinen Freund und Weggefährten, hier auf Louisenlund. Im vergangenen Jahr, 1781, hatte ich den Turm im Park zu einem Labor erweitern lassen und in Eckernförde gemeinsam eine Seidenfärberei eröffnen lassen. "Zweifellos! Aurum." sagt Leopold leise. "Was hat er verändert?" frage ich.  "Wir haben es beobachtet! Sie hatten doch recht. Der Punkt der selbstorganisierten Kritikalität! Karl! Erinnert er sich? Jener Kölner Professor, Sie stellten uns dieses quantenmechanische Experiment vor. "Ich erinnere mich. - einige Systeme entwickeln sich selbst über ihren kritischen Punkt hinaus, wenn sie im Nichtgleichgewicht aus sich selbst heraus ihr eigenes Nichtgleichgewicht verstärken um stabil im Gleichgewicht zu verharren. Dieses Experiment hatten wir 2019 in Straßburg beobachtet.

 

Kapitel 3 - Blankenese

 

"Ausgezeichnet!" Bernhardt entfernt mit einer Rolle die letzten Härchen auf den Schultern meiner Abendgarderobe. "Sie sehen wieder einmal fabelhaft aus" säuselt er über meine Schulter. Heute ist Logenabend im MC. "Ich lasse den Wagen vorfahren" meint Bernhard. Nach so vielen Jahren im Dienst unserer Familie, weiß er, das ich zur Loge immer den Bentley favorisiere. Simon, mein Fahrer, öffnet die Wagentür zum Fond und grüßt freundlich, wünscht mir einen angenehmen Abend. Der weiße Bentley rollt fast geräuschlos durch die Straßen. Zeit ein paar EMails zu bearbeiten. Um 19:45 Uhr erreichen wir das Logenhaus. Elbterrasse 6, Blankenese. Das 1570 errichtete Fischerhaus wurde 1880 umfassend saniert, nachdem der ehemalige Eigentümer und Stuhlmeister Kapitän Peter Breckwoldt mit seinem Schiff auf einer Fahrt von Mexiko nach England unterging. Damals hat die Witwe das Logenhaus dann direkt an die MC überschrieben und verzog unbekannt. Die letzte Renovation des Hauses hatte mein werter Herr Vater noch finanziert. Größere Räume, einen Wintergarten, eben auf den Generationen- Standard angepasst.

 

Die Bremslichter des Bentley blitzen kurz auf, als der Wagen die Auffahrt verlässt. Das geheime Klopfzeichen an die schwere Eichentür des Haupteinganges ist Pflicht um Einlass zu erhalten. Ich erinnere mich gerade an meine Kindheit, wenn mein werter Herr Vater mich mitnahm in die Loge. Die zwei Säulen die die Eichentür einrahmen empfand ich damals als unglaublich gewaltig. Hinter der Tür ist ein metallenen Klicken und Krachen zu vernehmen. Die Tür öffnet einen Spalt- "das Passwort!" bellt es mir entgegen. Das Passwort kennt jedes Mitglied der Loge. Seit der strikten Observanz wurde es nicht mehr verändert. Die Tür öffnet nun in einem mächtigen Schwung. Noch ehe die Tür vollständig eine 90 Grad Öffnung erlangt hat, blicke ich auf die Spitze eines silbernen Damaszener- Templerschwertes. "Wer begehrt Einlass in diese Hallen?" poltert mir der Wachhabende entgegen. "Güldenstein" antworte ich galant und lege die schwarzen Lederhandschuhe in meiner linken Hand übereinander. Bruder Wachhabender besitzt im MC keinen Namen. Er ist eben Bruder Wachhabender.  Seit vielen Jahren. Ich glaube er war immer schon da. Solang ich mich erinnere.

 

Er redet nie. "Manchmal, so denke ich, kennt er nur diese zwei Sätze." Ein zwei Meter Mann mit muskulösem Erscheinungsbild unter dem schwarzen Anzug. Er ist ähnlich breit wie das Eingangsportal und nimmt niemals an Arbeiten, Banquetten oder Anlässen teil. Sein langer schwarzer Bart bedeckt vollständig seine Brust. Er ist für die Sicherheit der MCL zuständig, gleich Heimdall, der in der nordischen Mythologie Asgard bewacht. Der Vergleich ist frappierend exakt. Mythen und Geschichten ranken sich um Bruder Wachhabender, in der Vergangenheit gab es Einige, die ohne Losung den MC betreten wollten. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich jedenfalls kann passieren.  

 

Emanuel, der Kammerdiener der Lodge, springt mir freundlich entgegen, bittet um Mantel und Zylinder. "Einen guten Abend, Durchlaucht" grüßt er überfreundlich. "Wie geht es Ihnen, ich hoffe die Reise in die Schweiz war nicht allzu anstrengend?" "Danke, es ist alles Bestens Emanuel, bereiten sie mir doch einen Tisch im blauen Salon, ich werde noch etwas Speisen!" Unter einer kleinen Verbeugung säuselt er: "Gewiss Herr Graf, ich werde es sofort veranlassen." Vorbei an Ölgemälden mit schweren, goldenen Rahmungen, üppig ausgestattetem Interior, Holzschnitzereien und der marmornen Skulpturenallee, betrete ich das Kaminzimmer der Loge. Einige Brüder sitzen dort wo sie immer sitzen, rauchen Zigarre und trinken Whiskey.

 

"Manche haben sicher bereits eine Inventarnummer." denke ich mir und schmunzle ungesehen. "Einen guten Abend die Herren!" grüße ich freundlich im vorbeigehen. Kohle, Erdöl und Energie gesellen sich immer im Kaminzimmer. Im Augenwinkel erblicke ich noch den Reeder einer grossen Vergnügungsschiffsflotte. Der Salon ist heute spärlich besucht, ich nehme Platz und bestelle eine Flasche Château Pétrus. Dieser vorzügliche Merlot wächst auf den kieseligen Böden der Gironde und der Dordogne. "Einen 2015er?" fragt Emanuel gekonnt nach. Ich antworte ihm nicht, sondern winke ihm nur zustimmend. "Eine ausgezeichnete Wahl, Eure Durchlaucht, wie immer." Professionell öffnet Emanuel die Flasche, schenkt ein wenig in ein mitgebrachten Glas und platziert es mir an der korrekten Stelle auf dem weißen Tischtuch zur Verkostung. "Perfekt."

 

Er beginnt den Inhalt der Flasche in einen kristallenen Dekanter umzufüllen. "Was können Sie heute dazu empfehlen Emanuel?" frage ich bereits etwas hungrig. "Ohhhhh, Eure Durchlaucht, als kleinen Starter empfehle ich Ihnen heute Foie gras. Natürlich lassen wir den Château Pétrus noch ein wenig atmen und ich serviere Ihnen dazu ein Glas Sauternes. Ich habe einen 1934iger Haut- Montravel geöffnet. Damit sind sie sicher höchst zufrieden, zum Pomerol empfehle ich heute die Ente….sie ist frisch eingetro…"

 

Sein Erklärung findet ein jähes Ende als die Salontür aufgestoßen wird, ein Mann, laut Violine spielend, sich drehend, taumelnd, das Zimmer betritt. Mehrere Brüder, wie von Sinnen, begleiten ihn, klatschen, singend. Volksfeststimmung kehrt ein. "Impertinentes Gesindel" denke ich mir, widerrufe aber den Gedanken, da es ja ehrenwerte Brüder sind.

 

"Ein Teufelsgeiger!" wird laut ausgerufen. "Aber Moment- ich kenne diesen Mann nicht. Oder doch?" denke ich bei mir. "Er ist mir bekannt, nur habe ich ihn hier noch nie gesehen." Der Mann steuert mit seiner wilden Horde Brüder auf mein Tisch zu, spielt dabei weiterhin auf seiner Violine, angsterfüllt springe ich von meinem Stuhl auf - und mit einem Satz ohne Zuhilfenahme seine Hände landet er mit seinem Hintern polternd auf meinem Tisch - und sitzt. Die Violine verstummt. "Grüezi" grüßt er frech.

 

Ich nehme die Serviette vom Tisch, tupfe mir galant den linken Mundwinkel und frage keck "...und, wie darf ich Sie ansprechen?  "Am besten gar nicht!" schalmeit es mir entgegen. Gelächter bricht aus in seiner Entourage. "Genug!" sage ich. "Meine Herren! Bedenken Sie wo sich sich befinden. Contenance! Subito!" Die Verbindungstür vom Kaminzimmer zum Salon wird ebenfalls aufgestoßen und Bruder Wachhabender betritt das Zimmer.

 

Sofort verstummen alle Geräusche. Man kann eine Stecknadel fallen hören. Keiner der Brüder traut sich, auch nur einen Finger zu bewegen. Absolute Stille. "Es ist alles gut, Sebastian!" durchschneidet ein Ausruf den Raum. "Geh wieder an die Tür!" ruft der sitzende Mann vor mir. "Sebastian?" denke ich bei mir, woher kennt Er den Namen des Bruder Wachhabenden? Und zu meinem absoluten Erstaunen verlässt ähhh - Sebastian den Raum und verschließt leise die Tür hinter sich. "Klick" macht es nur. "Nun ehrenwerter Graf Güldenstein, dann ist wohl nun die Zeit gekommen uns Ihnen Vorzustellen!" Unter einem kleinen Sprung verlässt sein Gesäss mein Tisch, gefolgt von einer kleinen Verbeugung spricht er weiter: " Mein Name ist Erbprinz Leopold Georg. Durch die Gnade Gottes, Herrscher über das heilige römische Reich, Siebenbürgen und Rakočzi. und wir wünsche Ihnen einen Guten Abend!" Mit der typischen Hofgeste seiner drehenden rechten, voll Ringen besetzter Hand, beendet er seine Vorstellung. "Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches werter Bruder?" frage ich als er seinen Kopf wieder hebt. "Vielen Dank liebe Brüder für Eure Unterstützung!"

 

Ein letztes Mal lässt er den Bogen über die Violinenseiten schweben und übergibt diese samt Korpus und Bogen an den nächsten Bruder. "Nun, Bruder Lucius, sie wollten gerade ihr Abendessen einnehmen. Gern wohnen wir Ihnen bei. "Natürlich", antworte ich, "bitte setzen Sie sich doch. Ein Glas Wein?" "Aufrichtigen Dank Lucius, wir pflegen keine alkoholischen Getränke zu uns zu nehmen, auch das speisen von tierischen Produkten ist uns fremd. Aber bitte, genießen Sie Ihr Dinner!" Die umstehenden Brüder verlassen nach und nach das Geschehen. Nun sind nur noch wir am beide am Tisch. Der silberne Tischleuchter verstrahlt ein gemütliches Licht. Emanuel serviert den Wein und die Foie gras. Sie schmeckt vorzüglich in dieser Kombination.

 

Nachdem ich den Bissen geschluckt hatte frage ich erneut: "Der Grund, Eure Hoheit, Er wollte mir den Grund seines Besuches nennen!"  Erst jetzt realisiere ich meine Gedanken und Worte! Der Erbprinz Leopold von Rakočzi? Aber dies wäre ja nicht möglich. Die Linie starb aus. Angeblich mit dem Grafen St. Germain." überlege ich still. "Aufgehört, werter Freund!" durchbricht mein Gegenüber die Gedanken. "Wir möchten Ihn einladen und Er weiss - wir insistieren!" Aus seiner rüschenbesetzten Manteltasche zieht er eine kleine Phiole. Vielleicht 10 cm in der Länge. Die beiden goldenen Enden laufen nadelspitz zu, das gläserne Mittelstück ist gefüllt mit milchig- weißen Kristallen. Gekonnt stellt er die Phiole in die Mitte des Tisches. Senkrecht auf eine der Spitzen und lehnt sich in seinen Stuhl zurück. Zu meinem vollständigen Verblüffen bleibt die Phiole senkrecht auf dem Tisch stehen. Wie von Zauberhand bleibt diese Phiole auf Ihrer Spitze stehen!

 

Gerade will ich zugreifen als mir der Prinz den Weg meiner Hand versperrt und das Wort vorwegnimmt: "Wenn Ihn dies bereits beeindruckt, sollte Er meiner Einladung folgen und am Hofe Carls erscheinen. Als Hochgrad ist Ihm gewiss die Essenz der Akazie bekannt?" Carl? Akazie? Ragkočzi? Mein Kopf dreht. Der Prinz ist konkret und klar in seinen Aussagen. Seine Augen funkeln, wie die eines Geparden auf der Jagd. Er weiß das ich Ihn nicht verstehe und fährt dennoch ungehindert fort: "Er wird es mit dem menschlichen Verstand nicht begreifen können, das soll Er auch nicht. Denn dieser hindert Ihn nur an seinen kommenden Reisen." Seit vielen Jahren extrahieren wir die Kernsubstanz der Akazie. Bereits König Salomon bereiste Südamerika auf der Suche nach diesem Molekül Gottes! Er kann sich auf diese Reise nicht vorbereiten! Wie ist seine Antwort?" "Welchen Karl von meinen Sie? Welchen Hof?" frage ich.

 

"Ich wüsste nur von einer Karlslinie hier in der Umgebung. Der dänische Stadthalter um die Herzogtümer Schleswig und Holstein."  "Recht so! Lucius. Begleite Er mich an den Hof meines Freundes General Feldmarschall Karl von Hessen- Kassel!" forderte Leopold mich auf. Jetzt wird es mir zu bunt. Ich werfe die soeben gefaltete Stoffserviette hart, links neben mir auf den Tisch. Die Vorspeisengabel wird dabei wild angehoben. "Was erlauben Sie sich!?" frage ich harsch und erhebe mich von meinen Stuhl. "Was glauben Sie wen sie vor sich haben? Solch eine Komödie ist mir noch nie zu Ohren gekommen. Finden Sie das etwa geistreich? Ich möchte nicht despektierlich sein, aber ihr Benehmen ist frevelhaft und ich werde diesem keine Minute meiner wertvollen Zeit mehr widmen. Erst geben Sie sich als St.Germain aus und nun laden Sie mich auch noch zu dessen Freund Landgraf Karl ein. Was kommt als Nächstes? Werde ich zum Kaiser des Heiligen römischen Reiches ausgerufen…. oooder von China? Finden Sie dies ehrenhaft, brüderlich?"

 

Mein Puls rast. "Ihre Ente, Herr von Güldenstein" säuselt Emanuel von links. "Bitte, Bitte, Bruder Lucius. Beruhige Er sich." entspannt Leopold. "Serviere er das Federvieh, umgehend!" Emanuel stellt geduckt den Teller auf meinen Platz und hebt die Speiseglocke ausladend. "Barbarie de Bresse Miéeral und Flageolet Bohnen auf einer Yakitorijus. A la Minute."

 

Die Worte dringen immer noch wie durch Watte an mein Ohr. "Danke Emanuel" höre ich mich sagen und nehme wieder Platz. "Werter Lucius, Wir werden ihn nun verlassen müssen. Bedenke Er meiner Worte und der güldenen Phiole. Für mehr ist hier nun keine Zeit. Au Revoir mon ami! Un belle soirée! Mit diesen Worten springt dieser Mensch vor meinen Augen auf, dreht sich vergnüglich einmal um seine Achse und endet in einer tiefen Verbeugung. "Rauche er, er muss es rauchen! Mit diesen Worten springt der angebliche Prinz hüpfend aus dem Salon. "Rauchen! Mit einem Pfeifchen! Au revoooooir…." "Welch Possenspiel, in diesem Hause!" denke ich und lasse mir ein Stück Ente auf der Zunge zergehen.

 

Eigentlich ist mir der Appetit vergangen, mein hungriger Magen hat eine andere Meinung. Nachdem ich nun gespeist habe, empfehle ich mich, laufe durch das Kaminzimmer Richtung Ausgang. Mehr brauche ich heute nicht! Jedenfalls keine Brüder mehr. "Emanuel, meinen Mantel bitte!" Als ich den Satz beendet habe, steht Emanuel schon neben mir, wie ein Zinnsoldat, Zylinder und Mantel parat. "Sagen Sie, Emanuel, unter uns, wer war diese impertinente Person heute Abend an meinem Tisch?" frage ich leise, ziehe ihn leicht zur Seite, damit Diskretion gewahrt bleibt.

"Ohhhhh" er lächelt verschmitzt. "Vergessen sie nicht Ihre Fahrkarte Herr von Güldenstein!" flüstert Emanuel und überreicht mir eine kleine Lederschatulle. "Bon Voyage monsieur!" Mit diesen Worten und einer kleinen Verbeugung lässt mich Emanuel allein.

"Was ist dies heute für eine Nacht?" denke ich. "Haben wir Vollmond? Oder endet der Mayakalender wieder mal?" Die Phiole identifiziere ich als Inhalt der Schatulle. Auf rotem Samt. Maßgefertigt. Daneben ein kleines Schriftstück. Das Papier ist alt und dünn, vergilbt. Ich will erstmal nach Hause. Nachdem Simon mich vor dem Eingang meines Domizils abgesetzt hat, Bernhardt die Tür öffnet und meinen Mantel versorgt, setzte ich mich in die Bibliothek an den kleinen Sekretär."Siri - Licht!" Ein stechen durchfährt meine Augen. "Ich schalte das Deckenlicht ein" säuselt Siri. Nur langsam gewöhnen sich meine Augen an den taghellen Raum, erhellt durch tausende LEDs. Die komplette Bibliothek erstrahlt. "Wann gewöhne ich mich endlich daran? frage ich mich. "Konkret Lucius! Siri möchte es konkret!" Nunja, ich öffne die kleine Lederschatulle und entnehme ihr das Schriftstück. Vorsichtig entrolle ich das Papier. Die Oberkante ist abgerissen. Mit Tinte und Feder steht dort in Schreibschrift: kolossal:

 

Dimethyltryptamin. Entfaltet seine Wirkung durch die Aktivierung der Serotonin Rezeptoren. Entfernt lineare Zeitbegrenzungen, öffnet ein Vortal (Vortex und Portal) und somit den Übergang außerhalb der uns bekannten Matrix. Bei erhöhter Dosis durchbrechen der Einstein- Rosen- Brücke, unbegrenzte Krümmung, besser Faltung der Raumzeit. Ausgangspunkt A und Zielpunkt B werden somit koexistenz. Einsteins Zeitdilatation unsinnig. Wie bereits erwähnt, wird Lucius ab Freitag, den 18. September auf Louisenlund residieren. Bitte triff Vorbereitungen. Es grüsst in brüderlichkeit Freundschaft - Leopold, Juli 1782   

 
Ich bin sprachlos. "Was ist das?" denke ich. "Hat sich hier ein Science Fiction Autor vergnügt oder jemand zuviel Spock und Kirk angeschaut? Warum auch immer kommt mir gerade L. Ron Hubbard in den Sinn. War dieser Leopold heute ein Jünger? Bei LRH beeinflusst ja Xenu auch die Ereignisse auf der Erde. Aber 1782? Schwachsinn!" denke ich. Schmunzelnd über meinen Namenvetter auf dem Skript, lege ich das Papier auf den Sekretär und gehe wenige Schritte zu dem venezianischen Schrank der einmal Carlo Scarpa gehörte.

 

Nun enthält er meine hochprozentigen Schätze. Der Sherry fällt mir ins Auge. Ein 1946 Covento Madera. Süß hatte ich zwar heute schon, aber gut. Ich fülle ein Sherryglas, verkorke die Flasche und stelle sie zurück an Ihren Platz. "Siri! Öffne ITunes, Michael Bublé, Zufallswiedergabe." sage ich. "Ich spiele Michael Bublé" säuselt die Computerstimme. "Lautstärke Drei" Das Ereignis im Logenhaus habe ich fast vergessen, die Musik beschwingt mich und mit dem Sherryglas in der Hand beginne ich mich tanzend durch den Raum zu bewegen. Ich nippe am Glas…."and I'am fe-eee-ling goooood" singe ich mit Michael. Mit der Hand wische über den immensen Globus und gebe ihm etwas Efet, tänzle weiter zwischen den Vitrinen. An Vitrine 13 bleibe ich stehen und blicke hinein. Mich durchfährt ein Blitz. Mir wird schwindelig. Hastig stelle ich das Sherryglas irgendwo ab. "Siri- Alarme ausschalten! Sofort, alle, aus, aus, aus!" Ich reisse den Deckel der Vitrine 13 nach oben. Die Scharniere halten. Die Handschrift, die ich in Basel erworben hatte, ich nehme sie zitternd aus ihrem Zuhause und laufe hinüber zum Sekretär.

 

Kapitel 4 - Louisenlund

 

Der Zeremonienstab knallt laut auf das Eichenparkett. Tock-Tock-Tock "Carl, Prinz von Hessen, Landgraf zu Hessen- Kassel, Statthalter zu Schleswig und Holstein mit Prinzessin Louise von Dänemark" Tock-Tock-Tock "Joseph der Zweite, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Alleinherrscher in den österreichischen Landen!" Tock-Tock-Tock, "Rama der Erste, König von Siam", "Karl der Dritte, König von Spanien, Herzog von Parma und Piacenza"

"Ludwig der Sechszehnte, König von Frankreich und Königin Marie Antoinette", "Frederik der Sechste, König von Dänemark und Norwegen mit Königin Marie Sophie Friederike", "Ismail Bey al Kabir, Emir der Mamluken und Regent von Ägypten", "Michele di Medici"; der Zeremonienmeister zählt in unbeirrbarer, stoischer Sicherheit die schier nicht endenden Gäste auf. Nach jedem Eintritt scheppert sein schwerer Stab erneut auf den Boden. Mozart, Schiller, Casanova… alle sind gekommen.

 

Die unzähligen Wandspiegel werfen das Licht der kerzengefüllten Lüster tausendfach zurück in den Ballsaal, der bereits bis auf den letzten Platz mit Gästen gefüllt ist. Eine höfische Geräuschkulisse! "Hach, Madame, woher haben Sie denn diesen scheusslichen Hut? Hat Ihnen der Abdecker jenen genäht?" oder "Ein wundervolles Kleid, und diese Schuhe, fantastic, tres bien, tres bien! Der letzte Schrei in Versaille!" Anderswo: "Jaaaaa, meine Liebe, ich habe diese billige Hure mit dem Stallmeister erwischt! Genau! In meinen Stallungen! Da hiess es gleich - "Appp mit dem Kopf!" Hofgeflüster eben…. Der Zeremonienmeister schlägt erneut seinen Stab auf den Boden. Tock,T ock, T-o-c-k Kurz, kurz, lang. "Verschliesst die Türen! fordert er die Dienerschaft auf. Ein raunen geht durch die Menge. "Mesdames et messieurs, ich habe noch einen letzten Gast des Abends, einen Wanderer, einen Leopard, den so mancher wohl nur allzugut kennt. Meine Damen, meine Herren! Der Graf von Saint G-e-r-m-a-i-n! Ihr kennt Ihn als Graf von Aymar, oder Ihr als Graf von Bellamare, als Graf Welldone bezeichnet Ihr Ihn!

 

 Der Zeremonienmeister sticht mit dem Zeigefinger wahllos in die Menge. "Untertänigst, künde ich von Ihm…. Prinz Leopold Georg, Herrscher über das heilige römische Reich, Siebenbürgen und Rakočzi, Herr und Graf der Sizilianer, des Königreichs Ungarn, der Herr in Patak, Tokaj, Regècz, Ecsed, Somlyó, Lednicze, Szerencs und O….!" Ein ohrenbetäubenden Knall durchbricht die Worte. Gleichzeitig explodiert in der Mitte des riesigen Raumes eine violette Qualmwolke und bahnt sich ihren Weg durch die Leiber.

 

Alle Gäste springen angstvoll auseinander. Menschen schreien. Ein Kreis entsteht. Plötzlich setzt leise, im Zentrum der Wolke, ein Geigenspiel ein, schneller werdend, lauter. Als der Dunst sich verzieht steht Prinz Leopold in der Mitte der Menge und musiziert. Mit einem lauten Aufstampfen seines rechten Fusses und einem Jauchzer beendet er sein Allegro.

 

"Bonsoir Madame, Guten Abend, Good Evening my Lady, Mirembrema, Wånshång håo, Mãlai vanakkam, masa alkhayr…." Bei jeder Begrüssung wirft Leopold einen Kuss in die Menge oder gibt einer Dame einen Handkuss. Vor dem Preussenkönig schlägt er übertrieben ernst die Hacken zusammen und salutiert kerzengerade! "Majestät: Habe die Ehre!" Die Menge klatscht frenetisch. "Madame!", stoppt Leopold die Menge. Jeder versucht den besten Blick zu erhaschen. Helfe Sie Uns! Rasch und geschickt entledigt sich Leopold seines hellblauen, samtenen Gehrockes. An den Fingern seiner Händen glitzern Ringe besetzt mit taubeneigrossen Edelsteinen, an den Schuhen goldene Schnallen, ebenfalls Edelstein besetzt.

 

Eine äußerst glamouröse Erscheinung. Überall blinkt und klimpert es. Der Prinz übergibt den Rock an eine Dame und bittet "Madame! Werfe Sie den Wams hoch in die Lüfte und breite Sie ihn über Uns, somit er Uns ganz bedecke! Vite, Vite" Die Menge tritt neugierig näher. Die Dame tut wie ihr geheißen, etwas unbeholfen aber dennoch resolut wirft sie den samtenen Rock vollens ausgebreitet über den posierenden Prinz Leopold. Aber was...? Einen Raunen geht durch den Hofstaat. Der Rock landet teilweise federleicht, teilweise durch die schweren Orden gelastet - auf dem Boden; auf dem Boden? An jener Stelle an der eben Leopold eben noch stand. Verschwunden ist er! Weg. Vom Erdboden verschluckt. Ein tuscheln beginnt. Alle stehen wie gebannt im Ballsaal. "Ja, was hat er denn, wo ist er denn?" ruft eine Dame mit dem typischen Wiener Schmäh. Man kann die Spannung im Raum spüren.  

 

Alle drehen erschrocken den Kopf als auf der Orchesterbühne plötzlich laut das Horn geblasen wird. "Küss die Hand, gnä' Frau. Hier heroben ist Er!" Leopold steht mit geschwollener Brust hinter den Violinisten, das Horn fest in der Hand. Neu bekleidet in einen schwarzen Rock, Hose, das Hemd ausladend rüschenbesetzt. Das schwarze Haar geschickt unter der Puderperücke versteckt. Ein verschmitztes Lächeln verzieht sein jugendliches Gesicht. "Die Mystik und der Okkultismus gehören nach Louisenlund wie Fragonard, Molinard und Galimard nach Grasse. Nur, möchten wir keine Duftwässerchen herstellen, sondern unseren Bund gegenüber der florentinischen Allianz stärken! Ja, wir haben viele Namen, wir haben die Welt besucht vor der atlantischen Katastrophe, die die Sintflut nennt. Wir lehren Salomo die Weisheit, diskutieren mit Sokrates und besuchen Pythagoras. Wir haben kein Alter! Den wachsamen Blick auf die Natur gerichtet, erkennen wir das Wesen und Ende der Einheit. Wir sahen im Erze das goldene Licht, wir erfassten den Stoff und entdeckten den Keim!" Gnadenvoll und illuster soll dieser Abend werden! Herr Kapellmeister, lasse er aufspielen."

 

Mit der rechten Hand wirft der Prinz einen, kleinen runden Gegenstand in die Höhe, hoch über die Köpfe der Gäste. Im nächsten Augenblick explodieren tausende, kleiner Sterne im Ballsaal, flitternd verteilen sie sich, pfeifend und heulend. In allen Farben des Regenbogens. Die Sterne explodieren wiederum in noch kleinere Sterne und erreichen den letzten Winkel des Saals und verglühen bevor sie einen Höfling erreichen.

 

Amüsiert übernimmt Carl das Wort: "Messieurs, die nächsten Stunden widmen wir der "Loge in der Vergangenheit - der Magic Carpet Lodge. Die Wächter mögen uns folgen!"

 

Kapitel 5 - Blankenese

 

Die Schriftstücke passen aneinander! Ohne Zweifel. "Identisch!- Aber völlig unmöglich!" sage ich leise. Meine Hände zittern. "Was geht hier vor?"