Kriminalhauptkommissar Sören Madsen und sein Team der Itzehoer Mordkommission ermitteln in einem seltsamen Fall von „Schienen-Suizid“. Kriminalhauptkommissar Motti Wunderlich hat bereits bei einem vergleichbaren Fall mitgewirkt und trägt mit seinem Hintergrundwissen als Freimaurer entscheidend zur Aufschlüsselung der triftigen Indizien bei. Sie führen Polizisten und Leser*innen in einen obskuren Kosmos von Raubkunst und Sadismus.

Die Vereitelung der Rückerstattung von Raubkunst an deren legitime Eigentümer lassen ein makabres Gespinst gegenwärtiger Niederträchtigkeiten erkennen. Die beiden CO-Autoren haben einen faktenbasierten Restitutions-Krimi erarbeitet, der ein winziges Licht in Deutschlands dunkelste Zeit wirft.


Co-Autoren

Jens Rusch, geboren am 26. April 1950 im norddeutschen Fischerdorf Neufeld.

1964 Famous Artists Fernstudium. Tutor : Norman Rockwell.

1979 bis 1982 Ausbildung als Meisterschüler von Prof. Eberhard Schlotter im spanischen Altea.

Seit 25 Jahren Freimaurer. Mutterloge „Ditmarsia“. Heute Mitglied der Hamburger Loge „Roland“.

Ehrenmitglied der Frankfurter Loge „Lessing“ und der Freigärtner-Vereinigung „Carl Theodor zum goldenen Garten“. Gründer des Online-Lexikons „Freimaurer-Wiki“. Goldenes Verdienstzeichen der Vereinigten Großlogen von Deutschland. Träger des Bundesverdienstkreuzes am Band. Initiator der karitativen Veranstaltung „Wattolümpiade“, Ehrenmitglied des onkologischen Arbeitskreises der Westküstenkliniken. Zahlreiche weitere Auszeichnungen.                            Biographie.


Manfred Eisner, Jahrgang 1935, geboren in München, erlebte Kindheit und Jugend als Emigrant in Bolivien und Uruguay und kehrte erst 1957 nach Deutschland zurück. Er studierte Lebensmittel-technologie im damaligen West-Berlin und war in diesem Beruf bis 1998 als Angestellter und danach noch bis 2009 freiberuflich als Industrieberater und FDA-Sach-verständiger tätig. Er hielt weltweit Vorträge und schrieb zahlreiche Artikel, die – ebenso wie sein bekanntes Fachbuch über die Haltbarmachung von Lebensmitteln – in mehreren Sprachen übersetzt wurden. 

Nach Vollendung einer Romantrilogie, in der er Szenen aus seiner eigenen Biografie schildert, widmete er sich der Kriminalromanserie mit der LKA-Sonderermittlerin Nili Masal, von der bereits zehn Bände erschienen sind.

Weitere Publikationen: Website und ausführlichere Informationen zur Person Manfred Eisner.


"Das große Notzeichen"

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"Das große Notzeichen"

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Auszüge

Vor Lektorat


Nur noch gelegentlich schreckt Lokführer Norbert Breitenbacher aus dem Schlaf hoch und immer seltener hört er in seinen unruhigen Träumen das Geräusch berstender Melonen. 


Während Norbert noch seinen Gedanken nachhängt bemerkt er erschrocken den Schornsteinfeger, der plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm mit hoch erhobenen Armen auf den Gleisen steht. Instinktiv betätigt seine verkrampfte Hand in Sekundenschnelle die Nothalttaste. Die Straßenlaternen auf der Brücke im Rücken der seltsamen Erscheinung lassen diese nur schemenhaft erkennen. Mit ihrem merkwürdigen Zylinder ähnelt die Person auf den Gleisen jenem Scherenschnitt, den er damals seiner Frau auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt gekauft hatte.

Schrilles Getöse, das ohrenbetäubende Kreischen der Reibung von Stahl auf Stahl, die sprühenden Funken und der ungeheuerlich einsetzende Widerstand gegen die Schubkraft des Zuges, können jedoch das unweigerliche eintretende Unheil nicht verhindern.


Einer von Rohwedders Teammitgliedern, von den Kollegen Hannes Lennon genannt, reicht ihm einen Asservatenbeutel, in dem ein blutgetränkter, weißer Handschuh steckt. »Seit wann tragen Schornsteinfeger denn weiße Handschuhe?« fragt dabei verwundert der jüngere, hagere Kriminaloberkommissar in rotem Sweatshirt und Jeans gekleidet und mit der aufgesetzten runden John Lennon-Brille. Auf ein deutliches Kopfnicken seines Vorgesetzten holt er dann einen abgetrennten Finger mit einer Pinzette aus dem handähnlichen Gemetzel hervor. Daran ist deutlich der Ring mit einem markanten Symbol zu erkennen. Es erinnert ihn an ein altes Handwerkerzeichen, das er einmal über einem Zimmerer-Betrieb gesehen hat. Rohwedder gräbt in seiner Erinnerung und nickt kurz darauf mehrmals, als glaube er, einen vagen Hinweis gefunden zu haben.

Lennon bemerkt nebenbei: »Übrigens habe ich bei einem Gespräch zwischen zwei Bahnbeamten gehört, dass dieses bereits der zweite ›Schienensuizid‹ für unseren Unglücksraben sei.«


Rohwedder wird ungeduldig. »Was es nicht alles gibt. Und was befindet sich in dem anderen A4-Umschlag?« »Durchweg Korrespondenzmaterial und alles handgeschrieben. Schwer zu lesen. Teilweise Sütterlin und oft zittrige, häufig durchgestrichene und korrigierte Texte. Einzelne wurden mit Federhalter und Tinte geschrieben. Bei manchen sieht es so aus, als wären sie nass geworden und sind dadurch fast unlesbar.

Was besonders auffällig ist: Sie wurden überwiegend in angloamerikanischem Jiddisch geschrieben. Einige in deutschem Jiddisch. Einen dieser deutschen Briefe habe ich mir vorgenommen. Er fiel mir auf, weil er so aquarelliert wirkte. Die braune Sepia-Tinte ist an einigen Stellen arg verschwommen. Darin schildert eine sehr alte Frau ihre Flucht aus dem Warschauer Ghetto: als Kind versteckte sie sich unter einem Stapel Leichen, die man herausschaffte. Über ihr lagen ihre toten Eltern und Nachbarn. Dann wurde mir plötzlich klar, dass die ›aquarellierten‹ Passagen von vergossenen Tränen stammen, ich konnte nicht weiterlesen.« Göpferts Stimme versagt ihm, die Kollegen schweigen betroffen. Dann setzt er in heiserer Stimme hinzu:  »Auf dem Umschlag stand übrigens ebenfalls Myosotis


.Offensichtlich hatte Blume die Heizung abgestellt, bevor er es zum letzten Mal verließ. Das kommt den beiden kleinlich vor; allerdings war es für der Künstler offensichtlich notwendig, seine Haushaltungskosten in Grenzen zu halten. Abgesehen von der Riesenmenge herumstehender und an den Wänden hängender Gemälde, riecht es hier nicht gerade nach Reichtum. Wäre Blume Kunstsammler gewesen, hätte man auf ein stattliches Vermögen schließen können. So aber ist es lediglich ein Haufen nicht verkaufter Bilder, die eher das Gegenteil signalisieren. Nach der Diele treten sie direkt in das große Atelier mit den zugezogenen Fenstern. »Auch bemerkenswert,« orakelt Rosenblatt. »Das tun Künstler, um ihre Bilder keiner unnötigen Lichtmenge auszusetzen, damit die Farben nicht verblassen. Irgendwie fürsorglich, bedenkt man, was der Mann mit sich selbst vorhatte!«

Nachdem er die Vorhänge aufgezogen hat, kommen zwei lebensgroße Statuen auf einem kniehohen Podest in Szene. »Die beiden kenne ich bereits, denn wir haben von ihnen ältere Fotos im Aktenkoffer gefunden«, bemerkt Ökzan.


Uns-Uwe muss eine Weile suchen, denn die Bezeichnungen der auf dem Seagate-Speicher gelisteten Dateien sind ihm dabei keine große Hilfe. Endlich finden sie den gesuchten Videospot, auf dem haargenau die gleiche Szene erscheint. Das ebenso schmerzverzerrte Gesicht desselben kleinen Jungen. Auch das Ambiente, ein gewöhnliches Hotelzimmer und die Tapete sind identisch. Nur das Antlitz des Unholds, der sich anscheinend ungehemmt am kleinen Jungen austobt, ist ein völlig anderes; es ist Madsen längstens bekannt: »Das Gesicht des Mannes, der hier erscheint, gehörte Mordechai Ernst Taitelbaum, den Sie unter den Namen Ernst Baum in den Akten finden. Kein Zweifel mehr, dass diese widerlich grauenhaften Szenarien von Anfang bis Ende gefaked worden sind!«


»Nun, diese Gruppierung – wie Sie sie bezeichnen – besteht überwiegend aus jüdischen Emigranten, denen nach ihrer Flucht in die USA zunächst kaum Möglichkeiten zur Verfügung standen, ihre Anrechte auf verlorenes Vermögen geltend zu machen. Es ging zunächst um erheblichen Immobilienbesitz, aber auch um verlorene Kapitalanlagen. Dazu gehörten selbstverständlich ebenso Kunstgegenstände aller Art.


»Also, wenn ich Sie richtig verstanden habe, fanden nachweisbar berechtigte Ansprüche von Einzelpersonen bis zum Mauerfall kaum oder keinerlei Berücksichtigung.«

»Das ist korrekt. Die Auseinandersetzung um Ansprüche und Wertrückführungen von noch lebenden Einzelpersonen fanden bis zu diesem Zeitpunkt überwiegend und teilweise ausschließlich durch individuelle Klagen auf juristischem Wege statt und wurden zumeist – und wenn überhaupt – erst nach langwierigen und mühsamen Beweisführungen erfolgreich.

 

Die Finanzbehörden waren damals noch mit zahlreichen ehemaligen treuen Beamten des berüchtigten vorangegangenen Regimes besetzt und diese versuchten des Öfteren die Antragsteller systematisch mit allen Mitteln abzuwimmeln. Erbschaftsansprüche nachzuweisen war für die Klagenden überaus schwierig. Die überwiegende Zahl der überlebenden Juden hatten auf der Flucht andere Prioritäten setzen müssen, als behördliche Unterlagen mitzuführen. Auch mussten zahlreiche Ansprüche von Erben berücksichtigt werden, die in andere Teile der Welt geflüchtet waren und dort neue Namen angenommen hatten. So manches große Konvolut konnte keinem der Überlebenden mehr zugeordnet werden, weil zahlreiche Familien restlos ermordet worden waren.«


»Nein, keine Sorge, am eigentlichen Tötungsakt ist keiner von uns materiell beteiligt. Das ist gerade das geniale an meinem Konzept. Die alte Witzformel ›Lassen Sie es wie einen Unfall oder Selbstmord aussehen‹ wird damit zur Geschichte. Hier finden konkrete, handfeste Suizide statt und die Suizidenten zeigen selbst ihr allergrößtes Interesse daran, dieses unter Beweis zu stellen. Aus juristischer Sicht, hieb- und stichfest. Das ist auch nur zum Teil meine Idee. Die Stasi nannte das in der ehemaligen DR unbeholfen poetisch den sogenannten „Drachentod“. Nein wirklich, könnt ihr nachgoogeln, das gab es wirklich. Man trieb jemanden in eine Situation, die man ihm keinen anderen Ausweg mehr ließ.«


Madsen macht einen Vorschlag: »Motti, du bist doch Freimaurer und kennst dich bestens aus. Könntest du nicht behutsam bei den Logenbrüdern von Baum und Blume sondieren, ob denen vielleicht etwas aufgefallen ist?« 

Wunderlich bewegt langsam den Kopf hin und her und zieht eine Miene, die andeutet, dass ihm dieser Gedanke überhaupt nicht behagt.

»So etwas kann ich euch nur unter äußerstem Vorbehalt zusagen. Für Freimaurer gilt die unumstößliche Regel, dass alles, was innerhalb des Bruderkreises geäußert wird, auch dort zu verbleiben hat. Aber mir ist auch schon der Gedanke gekommen, dass seine Brüder ebenso selbstverständlich ein Interesse an der Aufklärung haben müssten. Ich werde das mal ergebnisoffen angehen, wenn Ihr einverstanden seid. Es würde uns schon geholfen sein, wenn uns geringste Hinweise auf die richtige Spur bringen. Aber bitte, dann unter einer Bedingung: zwingt mich nicht, jeden einzelnen Hinweis zu Protokoll zu geben. Ansonsten müsste dies jemand anderes übernehmen.«

Man sieht ihm deutlich an, dass er sich hiermit sehr schwertut.


Fakten und Zitate

Quelle: Internationales Freimaurer-Lexikon von Eugen Lennhoff und Oskar Posner (1932)

"Bei der heutigen Art der Kriegsführung des leeren Schlachtfeldes ist das Zeichen vollkommen wertlos geworden."


Nach dem Kriege wurde in Deutschland mehrfach die Abschaffung des großen Not- und Hilfszeichen in den Großlogen angeregt. Dieser Antrag wurde teilweise abgelehnt, weil man trotz der Überzeugung von der vollkommenen Wertlosigkeit fremden Einflüssen mit Recht keinerlei Zugeständnisse machen wollte. Dagegen gelangte es z. B. bereits 1927 bei der Großloge von Preußen, genannt "Zur Freundschaft", zur Abschaffung.

 

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Im Zuge des Ersten Weltkriegs verbreitete sich der Antimasonismus in Form von Verschwörungstheorien in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und insbesondere in der nationalistischen Rechten. Eine der Behauptungen war die von der Verbrüderung mit dem Feind, die Freimaurer in ihren Logen vorbereitet und schließlich auch vollzogen hätten. Dabei rückte das "Große Not- und Hilfszeichen" häufig in den Fokus, weil es der Beleg dafür schien, dass sich Freimaurer nicht in erster Linie ihrer Nation verpflichtet fühlten.

Die Behauptung stammte dabei keineswegs aus dem Weltkrieg, sondern war etwa schon in den 1870er Jahren vom jesuitischen Freimaurerexperten Georg Michael Pachtler verbreitet, um die Fürsten vor der "fünften Kolonne" der Freimaurer in der Armee zu warnen.

 

Nach dem Weltkrieg verbreiteten sich also bald Behauptungen und Anekdoten über die Anwendung des GNuHZ und den angeblichen Landesverrat der Freimaurer. Die Freimaurerlogen zeigten sich darüber durchaus bestürzt. Sie sahen sich als Teil des nationalen Bürgertums und empfanden die kursierenden Geschichten als Verleumdungen. Sie wussten auch ganz genau, welcher Geist tatsächlich während des Krieges in ihren Logen geherrscht hatte.

 

Im März 1915 war beispielsweise im Bayreuther Bundesblatt die soldatische Pflichterfüllung bis zum äußersten als höchstes Gut gepriesen worden: „Und jeder Freimaurer, in den Linien, sendet das todbringende Geschoß in die feindlichen Ketten, ohne Rücksicht darauf ob der, den es treffen wird auch ein Freimaurer, ein Bruder ist.“ Im Kriegstaumel hatte man die vollständige institutionelle und ideelle Abkehr von dem vollzogen, was man inzwischen verächtlich "Weltmaurerei" schimpfte, um dafür eine deutsche Freimaurerei aus explizit "völkischem" Geist zu beschwören.

Eine der am weitesten verbreitete Anekdote zum GNuHZ stammte aus dem belgischen Louvain/Löwen. Dort soll bei Kriegsbeginn das GNuHZ dazu geführt haben, dass deutsche Soldaten festgesetzte Belgier freiließen. Auch in Freimaurerkreisen sorgte diese Geschichte in den 1920er Jahren für einige Verunsicherung, weil die nationale Bruderkette längst dazu übergegangen war, in den eigenen Reihen nach den Schuldigen für die Niederlage zu suchen.

In allen Freimaurerzeitschriften wurde dazu aufgerufen, authentische Augenzeugenberichte von der Anwendung des Notzeichens zusammenzutragen. Zehn Jahre nach Kriegsende konnte im Bundesblatt der 3WK schließlich eine detaillierte Rekonstruktion der Episode aus Löwen präsentiert werden, die die Freimaurerei ‚entlastete‘. Nicht nur sei das Notzeichen nicht zur Anwendung gekommen, auch die Exekution der Belgier sei trotz Gnadengesuchs pflichtgemäß erfolgt. Aller Grund zu deutschfreimaurerischem Stolz...

 

Schon seit Beginn der Weimarer Republik bestand eine ideelle Nähe zwischen signifikanten Teilen der deutschen Freimaurerei und der radikalen systemoppositionellen Rechten, die bis Mitte der 1920er Jahre in ihrer Haltung zur deutschen Freimaurerei noch schwankte. Das GNuHZ stand da natürlich im Wege, weil es - unabhängig von tatsächlicher Anwendung im Krieg - eine Brücke zur Freimaurerei anderer Länder schlug.

 

Schon seit 1919 diskutierte etwa die Große Landesloge über die Abschaffung. Man entschied sich zunächst jedoch dagegen, und setzte (1) auf eine Umdeutung, die den appellatorischen Charakter strich und das GNuHZ damit 'entschärfte' und (2) auf die Mitteilung an den Lehrling, dass „die Anwendung dieses Zeichens sowie seine Beachtung dem Feinde gegenüber im Felde verboten sei“.

Anders - wie hier ja von Jens Rusch gezeigt - die Große Loge von Preußen zur Freundschaft (das alte "Royal York" hatte sie 1915 wegen der englischen Anklänge gestrichen). Sie strich das GNuHZ 1927 gleich komplett aus ihrem System.

Manuel Pauli 

(Historiker, der zur Geschichte der deutschen Freimaurerei forscht)


Hörbuch

gelesen von Frank Schmalbach

(Testversion)


Bibliographie Manfred Eisner

Erhältlich: Website Manfred Eisner