Titelmotiv des Begleitheftes
Eigentlich sollte ein gutes Bild selbsterklärend sein – zumal, wenn es naturalistisch angelegt ist. In einer Zeit jedoch, die von fehldeutender Reizüberflutung und plakativen Fake-News geprägt ist, wird die Gefahr der Begriffsumkehr zu groß, um Bilddeutungen sich selbst zu überlassen.
Schon in der Odyssee übersteigerte Homer eine bis dahin kaum gekannte Metaphorik und erfand Kentauren, Polyphem und andere Fabelwesen, um Inhalte zu verdeutlichen. Francisco de Goya und Honoré Daumier entwickelten eigene Bildsprachen mit zeitgemäßer Symbolik, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Demagogie bloßzulegen. Dem Einfluss Grandvilles habe ich mein Buch Gemalte Tierversuche gewidmet.
So gehörte es längst zu meiner Atelier-Routine, eine eigene Ikonographie für ein Gustav-Frenssen-Tableau zu entwickeln – um dem Zitat Arno Schmidts vom „unerledigten Fall“ zu entsprechen.
Doch wie malt man das Porträt eines Mannes, den man eigentlich verachtet? Immerhin gehörte ich zu den Befürwortern, die dafür plädierten, Straßenschilder mit seinem Namen zu entfernen und stattdessen auf seine rassistische Ideologie hinwiesen. Einen Wegbereiter der nationalsozialistischen Katastrophe auf Leinwand zu bannen, ohne auch nur den Anschein von Glorifizierung zu erwecken – wäre das nicht, bildlich gesprochen, das Lindenblatt im eigenen Drachenblut?
Ich kenne aus der Vergangenheit die Profilierungswut selbsternannter Kritiker nur zu gut, stets begierig, Schwachstellen zu wittern. Und mehr noch: Widerspräche ich mit diesem Gemälde nicht dem Diktum Horst Janssens, dass der Appell eine Sache fürs Plakat sei?
Die entscheidende Metapher lieferte Arno Schmidt selbst – gleich zu Beginn seiner Schule der Atheisten. Dort heißt es auf Seite 26:
[…] Einer, der Alraunen unterm Ladentisch verkauft …
KOLDERUP: »Teurer Guide; wenn Du Dir einbilden solltest …«
… »Hohlformen in Menschengestalt (meist widerwärtigen): werden junge Rüben hineingesteckt, und man lässt die Model vollwachsen. Und dem von Dir geschilderten Ideal des diabolischen Provisors dürfte der Herr Papa hier gar nicht übel entsprechen.« […]
Damit war meine Assoziationskette geschlossen – bildstiftend legitimiert durch den Großmeister der Rebus-Inspiration. Seiner manischen Zitatsucht widmete ich die rechte Bildseite und legte ihm Friedrich Hebbel, Theodor Storm und Jules Verne in die Schreibhand, um der Wortverwandtschaft von Sucht und Suche eine eigene Metapher zu verleihen.
Im Vorfeld – auch dies ein bildträchtiges Rebuswort – erschienen in den flüchtigen Medien die Videos des gewaltigen Treckerkonvois auf dem Weg nach Berlin, der abgekippten Misthaufen vor Landtagen und auf Autobahnen. Voller Sympathie und Verständnis für die Lage unserer Landwirte drängten sich dennoch bald die historischen „Landvolk“-Symbole in den Vordergrund.
Ob man wollte oder nicht: Im Hintergrund wurde die Stimme Bertolt Brechts immer
präsenter:
„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch.“
Doch würde man nicht redlichen Bauern Unrecht tun, wenn man diesen Bildinhalt allzu stark komprimierte? Sind Fehlinterpretationen nicht bereits vorprogrammiert? Ich fürchte, dieses Bild werde ich erläutern müssen wie kaum eines zuvor. Deshalb dieser Text.
Der profunde Kenner der Frenssen-Episode in meiner Heimat, Dr. Dietrich Stein, den ich als mahnende Figur auf der linken Seite des Tafelbildes dargestellt habe, unternahm gemeinsam mit Kay Dohnke auf nahezu 500 Seiten den Versuch, neben der unumgänglichen Darstellung der inhumanen Verwerflichkeiten Frenssens auch dessen literarische Bedeutung im „rechten“ Licht zu beleuchten.
Zu den Autoren des Bandes Gustav Frenssen in seiner Zeit gehört auch mein Freund Thomas Krömmelbein – mein hochgebildeter Ratgeber bei der Arbeit an den radierten Illustrationen zur Schule der Atheisten hier in Tellingstedt an der Eider.
Er schreibt auf Seite 363:
[…] Ein Werk Frenssens in seiner literarischen Art für sich zu betrachten und gar zu loben, gilt zumindest in der „seriösen“ Literaturgeschichtsschreibung als unschicklich. Arno Schmidt erfuhr dies 1965, als er Frenssens Otto Babendiek als „gutes Meisterstück zweiten Ranges“ würdigte. Ihm wurde vorgeworfen, viel Forschermühe an einen indiskutablen, antisemitischen Nazi verschwendet zu haben. Bis heute ist Schmidts Haltung selbst in der Arno-Schmidt-Lesergemeinde umstritten. […]
Schmidt selbst bezeichnete die Causa Frenssen nach diesem Fiasko diplomatisch als einen „unerledigten Fall“.
Mir drängte sich die Metapher eines Gustav Frenssen auf, der aus den vielen im dithmarscher Untergrund wuchernden Alraunen ausgerechnet jene hervorzieht, die dem „größten Feldherrn aller Zeiten“ ähnelt – ein großes Wort für einen kleinen Geist, der derzeit erneut eine Renaissance erlebt.
Mich selbst habe ich ebenfalls im Hintergrund des Bildes eingefügt, einen gepeinigten Alraunen-Rabbi behutsam im Arm haltend. Eine sehr persönliche Reminiszenz an jüdische Freunde, darunter auch zeitgenössische Schriftsteller.
Wer Bilder zu lesen vermag, wird erkennen, dass dieses Gemälde keine glorifizierenden Inhalte transportiert, sondern auf subtile Weise zur Reflexion zwingt.
Ja, Thomas Krömmelbeins Beiträge im Frenssenbuch sind hervorragend. Und er ist ein Arno-Schmidt-Kenner. Deine Zeilen zum Bild lassen erkennen, mit welchem Engagement Du komponierst und entwickelst. Prima!
Eine Nebensächlichkeit am Rande zum Krömmelbein-Zitat, das ich aus Interesse mit einem Großteil des Beitrags zu Otto Babendiek eben
nochmal und wieder neu für mich gelesen habe: da stehen am Ende des Zitats die Worte "nicht nachvollziehbar". Da wird es heute anders aussehen in der Schmidt-Lesergemeinde. Und insofern passt "umstritten" sicher besser.
Gegensatz und Zusammenhalt:
Jens Ruschs Gemälde ‚Reichsnährboden‘
Auffällig in diesem Gemälde ist ein Hitler im Mini-Format, eine widerliche Figur, den ein seriös wirkender Herr, es ist Gustav Frenssen, nach oben zieht. Was sollen diese zwei Gestalten, was
sollen überhaupt die vielen vielen Figuren hier? Sehen wir genauer hin!
Da erscheinen vier Köpfe, die die obere Hälfte des Gemäldes einnehmen – unter ihnen Arno Schmidt und Gustav Frenssen –, und die untere
Hälfte, sozusagen die Bodenschicht, enthält über ein Dutzend Alraunen, die aus einer gelbbraunen Erde herauswachsen. Die oberen Köpfe sind farbige Porträts, fotografisch genau, die unteren haben
graphischen Charakter. Alraune, wir erinnern uns, heißt die Wurzel der Mandragora, die über 20 Zentimeter lang sein kann und dabei so fein gegliedert, dass sie manchmal wie eine menschliche
Gestalt aussieht. Alraunen werden als Talismane benutzt, aber auch als Schreckensbilder empfunden, die Unglück bringen. In E. T. A. Hoffmanns Märchen ‚Klein Zaches, genannt Zinnober‘ ist Alraune
ein Schimpfwort für einen missgestalteten Menschen.
Die Alraunen hier im Gemälde sind von verschiedenster Art; zwei von ihnen Abbilder von Hitler, eine soll wohl Theodor Storm darstellen, eine andere Friedrich Hebbel. Die meisten sind clownartige
Gestalten mit ausgesprochen individuellen Gesichtern; jedes von ihnen ein eigenes scharf gezeichnetes Kunstwerk. Insgesamt bilden sie ein teils kicherndes, teils ungeniert kreischendes, teils
blöd dreinblickendes Ensemble, auch mit bösartigen Elementen (Hitler mit erhobener Hand!). Und sie wirken beim zweiten Blick irgendwie unfertig, unvollendet, im Wachsen begriffen – ein Eindruck,
der in höchst subtiler Weise durch das ‚Ausfasern‘ der Alraunen entsteht. Die unteren Wurzelspitzen verschmelzen nämlich mit dem Boden, der ihnen Kraft gibt und sie doch auch loslassen
will.
Dann noch dies: Oben tragen alle Alraunen Blätter, die ihrem Gehirn zu entweichen scheinen, und deuten so an, dass sie doch mehr Pflanzen als Menschen sind. ‚Fortpflanzung des Menschen‘,
diese wirre Begriffsbildung im Deutschen, hat hier, in genialer Weise, ganz konkret Gestalt angenommen. Und so verwandelt sich, je länger wir darauf blicken, die Welt der Alraunen dieses Gemäldes
in eine Welt der Unvernunft, und der Eindruck des Unfertigen, den wir genannt haben, wird zu einem Eindruck des Niemals-fertig-Werdens. Ja mehr noch, die Welt der Alraunen ist eine von vornherein
kaputte Welt. – Und ferner besagen die ‚Blätter oben‘ noch etwas Psychologisches: Die Alraunen gehören nicht nur zum ‚Unten‘, zum Unterbewusstsein, sie haben buchstäblich weitläufige
Beziehungen.
Doch nicht nur wir Betrachter nehmen diesen Alraunen-Haufen in den Blick. Es gibt da noch die vier Persönlichkeiten, die von oben auf ihn schauen oder auch selbstsicher über ihn hinwegschauen. Es
sind allesamt Künstler (jedenfalls im weiten Sinne): Die Schriftsteller Arno Schmidt und Gustav Frenssen haben wir schon genannt, und dann ist da noch Jens Rusch – der also hier als Selbstbildnis
auftritt – und Dietrich Stein, der Kritiker und Interpret von Literatur. Frenssen zieht sich, wir sagten es eingangs, einen der Hitler aus der Alraunen-Welt heraus, Arno Schmidt einen Jules
Verne, und Jens Rusch hat einen armen Alten, vielleicht einen Rabbi, für sich unter den Alraunen gefunden.
Die vier Männer treten bürgerlich-formvollendet auf, jeder mit dem Hemdkragen, der zu ihm passt. Es ist ein sprechendes Detail, wie überhaupt der Maler Rusch sich gern ‚den kleinen Dingen‘
hingibt, die dadurch aussagekräftig werden. Jens Ruschs Realismus widmet sich immer auch den schlichtesten Details! Diese Männer sind offenbar stolz, die Alraunen-Welt unter sich zu haben und ihr
überlegen zu sein und sie vielleicht für ihre Zwecke verwenden zu können. In der Tat hat sich – der Extremfall in diesem Gemälde – einst Frenssen in übler Weise Hitler angedient. Welch ein
Gegensatz zwischen den vier seriösen Herren und dem wirren, zum Teil bösen Verhalten in der Alraunen-Szenerie!
Doch ‚Gegensatz‘ kann nicht unser letztes Wort sein. Wenn wir dieses Gemälde, dieses prall gefüllte Rechteck, ernst nehmen wollen, müssen wir die Personenfülle hier als ein einziges Universum
ansehen. Das Personal oben und das Personal unten machen flächenmäßig jeweils die Hälfte des Gemäldes aus. Sie sitzen gleichsam alle in einem Boot. Eine alte Erkenntnis wird hier abgebildet: Zur
Realität gehört nicht nur die offen sichtbare Welt, symbolisiert durch die vier bürgerlichen Männerporträts, sondern zu ihr gehört auch die Welt der Träume, der fantasiegesteuerten Erfindungen.
Und diese wird durch die Alraunen-Szenerie symbolisiert.
Unsere Lebenswelt, also unser menschliches Lebensgefühl kann nur gut existieren, wenn wir das lediglich Gedachte anerkennen – das Tolle, das von unsrem Hirn Gewagte, ja das absichtlich Alberne.
Und zwar auch dann, wenn das Gedachte noch unvollkommen, unfertig, ja kaputt daherkommt. Gewiss, wir laufen alle gelegentlich Gefahr, die andere Sphäre zu verachten. Die verschiedenen Bereiche,
das offen Wirkliche und das versteckt Wirkliche, müssen in unserem Blick auf die Welt einen Zusammenhalt erfahren.
Arno Schmidt, der sich einen Jules Verne herauszieht, sieht das ein; in tragischer Weise sieht dies Frenssen ein, der sich einem Hitler widmet. Dietrich Stein, der Frenssen anzusprechen scheint,
sieht es natürlich auch ein. Und Jens Rusch, zu Arno Schmidts rechter Seite, hat sich aus der Alraunen-Welt ausgerechnet einen ehrwürdigen Alten gewählt. Er, der Künstler, der obendrein noch den
Hut eines Zauberers trägt, sorgt daher besonders für den Zusammenhalt der beiden Sphären. Vielleicht kann man sagen: Diese Figur ist der Herr des Geschehens.
Martin Lowsky Januar 2026
Lieber Jens,
wo es Interpretationsspielraum gibt, gibt es immer die Möglichkeit von
Fehldeutungen; aber Kunst ohne Interpretationsspielraum ist keine Kunst.
Insofern ist die Gefahr, die Du siehst, real und unvermeidlich, und
deshalb ist es in diesem besonderen Fall vermutlich gut, daß Du
außerhalb des Bildes Stellung beziehst.
Die Stellung, die Du im Bild beziehst, finde ich als solche aber auch
schon beklatschenswert.
Übertriebene Rücksichtnahme auf Empfindlichkeiten der Bauernschaft halte ich für verfehlt. Ich bin, wie Du wahrscheinlich weißt, selbst
Bauernsohn (und war als Erstgeborener der prospektive Hoferbe, hielt in
meiner Kindheit stur an dem Satz "ich will Bauer werden" fest,
allerdings ging mir dann noch rechtzeitig auf, daß meine Passionen und
mithin meine Zukunft anderswo lagen). Gejammere und Abwehrhaltung der Bauern sind mir deshalb wohlvertraut und in Teilen durchaus
nachvollziehbar, aber trotzdem gehen mir die heutigen Wutbauern mit
ihren Pöbeleien gegen demokratische Entscheidungsprozesse und ihrer
selbstgerechten Verleugnung aller ihnen nicht zupaßkommenden Argumente tierisch auf den Senkel, und ich ärgere mich jedesmal, wenn "die Politik" (insbesondere konservative Parteistrategen) ihnen nachgibt.
Rücksichtnahme haben diese Knalltüten nicht verdient, erst recht nicht,
wenn sie mit "Landvolk"-Symbolik kommen und für ihre Gegner Galgen an die Straße bauen.
Ich höre allenthalben, daß wir bei den nächsten
Landtagswahlen auch hier in Schleswig-Holstein mit stark zunehmenden Stimmanteilen für die Neu-Nazis rechnen müssen, ganz besonders unter Jungwählern, und ich fürchte, das betrifft gerade auch dumpfbackige bäuerliche Kreise. Vernünftige Bauern gibt es natürlich auch, aber das ist hier nicht Thema, die bleiben weiter eher ein Randphänomen.
Dein
Friedhelm
Atelierbericht, Workshop
Bebilderte Chronik des auf dieser Seite geschilderten Ausstellungsprojekte.
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Das Begleitheft wird voraussichtlich über 32 Seiten umfassen.
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