Schirmherr Dr. h.c. Peter Harry Carstensen

"Wenn Feriengäste im Sommer in Nordfriesland über den Deich schauen und bei Ebbe das Wasser vermissen, nur das weite Watt sehen, verstehen sie häufig nicht, warum die Bewohner an der Nordsee sich Sorgen machen um ausreichenden Küstenschutz.

Wer einmal bei richtigem Sturm mit extremem Hochwasser auf dem Deich gestanden ist, wer den brutalen Lärm, diese unbändige Gewalt, diese eigene Hilflosigkeit hautnah gespürt hat, weiß warum.

Die Sturmflut 1962, die gerade in Hamburg und mit über 300 Toten so verheerend gewütet hat, habe ich zu Hause auf Nordstrand hautnah erlebt. Ich war damals 15 Jahre alt, kannte das Gedicht von Detlev von Liliencron, das er als preußischer Beamter 1882 auf Pellworm über die versunkene Stadt Rungholt geschrieben hatte. „Trutz, blanke Hans“

Als ich wenige Tage nach dieser Sturmflut die Schäden an dem Deich, der mich in der Nacht schützen sollte, gesehen hatte, hätte ich mich nicht getraut, das verhöhnende, blasphemische „Trutz, blanke Hans“ zu rufen. Wie häufig bin ich dann später noch nicht nur über Rungholt gefahren, sondern auch gelaufen?! Einmal sogar zusammen mit Angela Merkel, die kurz nach der Wiedervereinigung noch nie Ebbe und Flut gesehen hatte, mit dem Boot nach Südfall, zu Fuß zurück nach Nordstrand.

 


Die erste gemalte Bildfolge

Vier Ölgemälde, jeweils auf leinwand im Format 80 x 110 cm

Grundsätzlich gilt für mich:

Ich illustriere keineswegs für Historiker. Dafür gibt mir der Stoff auch nicht genug her. Das können andere gern machen. Mir genügt die Legende als Funke, als Provokation, als Einladung.

Ich lasse mich vielmehr von ihr inspirieren und drifte dann weit ins Surreale ab.

Rungholt ist für mich keine archäologische Rekonstruktion, sondern eine Bühne. Ein Resonanzraum, in dem sich menschliche Eigenschaften zeigen, die zu allen Zeiten gleich geblieben sind: Gier, Macht, Übermut, aber auch Angst vor dem, was größer ist als wir.

Während ich diese Bildfolge malte, fühlte ich mich ungefähr so erhaben und mächtig wie jemand, der den Abfluss seiner Dusche mit dem Fuß verstopft, nur um für einen kurzen Moment die Macht zu genießen, selbst zu bestimmen, wann er dem Seifenwasser wieder gestattet abzufließen.

Ein lächerlicher Moment der Allmacht – und doch ein zutiefst menschlicher.

Genau diese Haltung scheint mir der Kern der Rungholt-Legende zu sein.

Während ich an den Bildern arbeitete, wurden wir gleichzeitig von den Nachrichten und sozialen Medien über die Untaten von Epstein auf seiner pädophilen Insel überschwemmt – um im Bild zu bleiben. Diese Geschichten von Macht, Reichtum und moralischer Verwahrlosung legten sich wie ein zweiter Schatten über meine Arbeit.

Und plötzlich erschien mir Rungholt nicht mehr nur als versunkene Handelsstadt der Nordsee, sondern als zeitloses Symbol für Dekadenz.

So entstand die Figur eines in Reichtum ertrinkenden Krösus – noch eine Metapher –, der auf Rungholt ein äußerst kurioses Geschäftsmodell entwickelt hat.

Die Fischer der Stadt sind dabei, die Thunfische der Nordsee leer zu fischen. Wagenladungen silberner Körper werden aus den Netzen gezogen, über schlammige Wege geschleppt und zu den Märkten gebracht. Doch hin und wieder, so erzählt es die Geschichte in meinem Kopf, findet sich im Netz ein seltsamer Beifang: eine sogenannte Meerjungfrau.

Eine weitere Analogie zu Epstein.

Ein Wesen aus dem Meer, halb Mensch, halb Mythos – und damit in den Augen der Händler nicht etwa ein Wunder, sondern eine Ware.

Der Krösus erkennt sofort das Potential dieses Fundes.

Er versteht, dass das wirklich große Geld nicht mehr im Fisch liegt, sondern im Spektakel, im Seltenen, im Skandalösen. So entsteht ein Handel mit dem Wunderbaren selbst.

Im Hintergrund regt sich jedoch Protest.

Poseidon, der alte Gott der Meere, erscheint in den Wolken über Rungholt. Manchmal nur als flüchtige Gestalt aus Nebel und Sturm, manchmal deutlich sichtbar, mit Dreizack und zornigem Blick. Er ist nicht nur Richter, sondern auch Zeuge.

Er beobachtet, wie die Menschen die Gaben des Meeres nicht mehr nutzen, sondern ausbeuten.

Der Krösus seinerseits scheint sich davon nicht beeindrucken zu lassen.

Im Gegenteil: In meiner Bildfolge tritt er dem Meeresgott beinahe wie ein Geschäftspartner entgegen. Mal erscheint er in den Wolken selbst, debattierend, argumentierend, als könne man mit einem Gott über Marktpreise verhandeln.

Im vierten Bild schließlich sitzt er in seiner ganzen Selbstverherrlichung vor einem Tisch, der unter Gold und Reichtum zusammenzubrechen scheint – ein Bild, das nicht zufällig an heutige Figuren der Macht erinnert, die sich gern in Gold und Größe inszenieren.

Der Mann gegenüber ist kein klar definierter König, doch seine Haltung, seine Kleidung und sein Interesse lassen keinen Zweifel daran, dass er aus einem jener Häuser stammt, in denen sich Privilegien seit Jahrhunderten vererben. Er ist ein Vertreter einer Welt, die sich alles leisten kann.

Und was ihn besonders interessiert, ist nicht der Fisch.

Es ist die Meerjungfrau.

Sie hängt im Hintergrund, gefangen in Netzen und Seilen, während vorne am Tisch der Handel verhandelt wird. Goldstücke rollen über das Holz, Schätze liegen ausgebreitet, nautische Instrumente, Schmuck, Bücher, Reliquien – die ganze materielle Welt eines Handelsreiches.

Der Krösus und sein königlicher Kunde führen ein Gespräch, das im Grunde uralt ist:

Wie viel ist ein Wunder wert?

Über ihnen jedoch steht das Meer.

Poseidon ist nicht nur mythologische Dekoration.

Er ist die Erinnerung daran, dass das Meer keine Handelsware ist.

Es ist eine Macht.

Und während Rungholt glaubt, über seine Geschicke selbst zu bestimmen, während seine Händler meinen, sie könnten sogar mit Göttern verhandeln, sammelt sich draußen auf der Nordsee bereits die wirkliche Antwort.

Wind.

Wasser.

Gezeiten.

Die Menschen Rungholts genießen einen kurzen Moment der Illusion, so wie der Mensch in seiner Dusche glaubt, er könne den Lauf des Wassers mit seinem Fuß kontrollieren.

Doch irgendwann nimmt man den Fuß wieder weg.

Und dann läuft alles ab.

Rungholt war vielleicht eine Stadt.

Für mich ist es jedoch vor allem ein Bild für etwas anderes:

für den Moment, in dem menschlicher Reichtum glaubt, stärker zu sein als das Meer.

Und genau in diesem Moment beginnt bereits der Untergang.


 

Rungholt war für uns immer mehr als nur ein Mythos.

Natürlich wussten wir von den Berichten über Funde im Watt von dem Strander Mathias Boetius aus dem 16. Jahrhundert, oder den Nordstrandern Peter Sax und dem Pastor Anton Heimreich, der die große Flut 1634 überlebt hatte. Und den Nordstrand-Heimatforscher Andreas Busch habe ich selbst noch erlebt.

Rungholt war für mich zwar immer nah, räumlich und vom Erleben, aber dennoch nie richtig real, begreifbar.

Umso größer wird die Freude sein, wenn Rungholt uns allen in einem Schauspiel nahegebracht wird. In Rungholt ist gelebt worden, das kann man darstellen, das sollte man darstellen, auch weil es noch nie dargestellt worden ist.

Ein Projekt, das den Mythos Rungholt endlich Realität auf der Bühne werden lässt, verdient hier bei uns im Land jede Unterstützung! Von mir kommt sie ganz bestimmt!"

Dr. h.c. Peter Harry Carstensen, Ministerpräsident a.D.

Video: Mike Mohr


Anno Domini 1362, am Tage des heiligen Marcellus, da erhob sich das Meer nicht allein gegen das Land, sondern wider die Gewissheit der Menschen.

Der Wind kam aus Westen wie ein Bote, der nichts Gutes bringt. Erst murmelnd, dann drohend, zuletzt brüllend. Die Deiche lagen still im Dunkel, als glaubten sie noch an ihre eigene Standhaftigkeit. Aber in der Nacht begann das Wasser zu wachsen, als hätte es sich erinnert, wo es einst gelegen.

Man hörte kein einzelnes Brechen, sondern ein fortwährendes Reißen. Erde löste sich von Erde. Graswerk wurde fortgerissen wie ein Teppich unter zitternden Füßen. Und als die ersten Durchbrüche geschahen, stürzte das Meer nicht herein – es fuhr ein, wie etwas, das lange gewartet hatte.

Wind und Woge arbeiteten zusammen wie zwei Schmiede an demselben Werk. Häuser schwammen auf wie Särge ohne Deckel. Menschen klammerten sich an Balken, riefen nach Gott, nach Nachbarn, nach Namen – doch die Nacht verschluckte alles. Das Wasser war nicht laut; es war allgegenwärtig.

Manche flohen auf Warften, manche auf Kirchtürme. Doch auch das Mauerwerk bebte, als wisse es um seine Vergänglichkeit. Das Meer stieg weiter, als sei es nicht mit Maß geschaffen.

Als der Morgen graute, war die Welt verrückt worden. Wege führten ins Nichts. Felder waren See. Kirchspiele standen wie Erinnerungen im Wasser oder waren gänzlich ausgelöscht. Und wo Menschen gewohnt hatten, ging nun die Flut, als sei dort niemals Land gewesen.

Die Überlebenden standen schweigend. Sie wagten kaum zu sprechen, als könne jedes Wort das Wasser erneut heraufbeschwören. Manche sagten, es sei Gottes Zorn. Andere schwiegen, denn sie meinten im Brausen der Nacht etwas Eigenes gehört zu haben – kein Wort, doch einen Willen.

Seit jener Stunde weiß man hierzulande:
Das Land ist nur geliehen.
Und das Meer vergisst nicht.

 

So ward das Jahr 1362 gezählt unter die großen Erschütterungen.


Video: Michael Thomas Holstein
Bildkomponenten und Musik: Jens Rusch

Die Rungholt-Flaschenpost

Dieses alte nautische Ölgemälde aus eigener Hand, habe ich durch die Möglichkeiten der "künstlerischen Intelligenz", die sogenannte KI , in einen neuen Sachverhalt gebracht. Ich verwende also stets meine eigenen Gemälde, um sie nicht nur gedanklich in eine neue Komposition zu verwandeln, die mir im günstigen Fall eine völlig neue Bildidee vermittelt. Die Flaschenpost auf dem oberen Bild entwickelt sich nun zu einer neuen Sicht auf eine Schlüsselsituation, die ich für einige Rungholt-Gemälde verwenden möchte. Solch eine Flaschenpost kann ja gerne sechshundert Jahre durch die Weltmeere gedümpelt sein, ohne daß sie irgendjemand las. Niemand hat sie also "aufgelesen". Dabei könnte ihr Inhalt vom wahren Geschehen auf Rungholt berichten und letztlich von seinem Untergang.


FRISS, WAS BEI DIR WÄCHST.

Was zunächst wie eine Ernährungsempfehlung klingt, ist offenbar auch in der Kunst eine Notwendigkeit, der sich Kulturschaffende früher oder später immer wieder stellen. 

Ob in der Musik, in der bildenden Kunst oder in der Welt der Literatur -  es scheint ein tiefes Bedürfnis zu geben, sich irgendwann mit der Heimat, den eigenen Erzählungen, den Orten, den Mythen auseinanderzusetzen - ja, dem unbewussten kollektiven Erbe von Kultur und Geschichte auf die Spur zu kommen. Zu entdecken, was tief in unsere Knochen geschnitzt ist, wie wir in Resonanz dazu gehen und was neu erzählt werden will. Immer mit der wunderbaren Gelegenheit, herauszuarbeiten, was Geschichten uns lehren können und wie die Botschaft lautet, die sie in sich tragen - für uns heute - in der Gegenwart.

Denn Menschen - das kriegen wir gerade vielfach vor Augen geführt - lernen nicht durch Zahlen oder Diagramme. Und auch nicht durch die x-te Beschwörung eines bevorstehenden Weltuntergangs  - selbst wenn davon jedes einzelne Wort stimmt. Nein. Menschen lernen bestenfalls durch gute Geschichten, die durch die Zeit zu wirken vermögen und im Kleinen erzählen, was im Großen passiert.   

Und dafür bietet Rungholt einen wahren Schatz an Metaphern und Parabeln, die nicht zutreffender die gleiche Hybris, dieselbe Arroganz und die immerwährende Ignoranz beschreiben könnten, die uns heute in den gleichen Untergang führt - nur globalisierter und industrialisierter - nicht als Gottesurteil, sondern als eine Bilanz.

So, wie ich die verantwortlichen Künstler kenne, werden sie diese Gelegenheit beim Schopfe packen. Natürlich mit dem ihnen eigenen, bei meinem Freund Jens Rusch geradezu ausufernden, Feuer der Kreativität und des unbändigen Drangs, Geschichten aufzudröseln, zu sezieren, sie in Streifen zu schneiden und sich immer präziser in die weiteren Ebenen, die anderen Perspektiven hineinzuarbeiten, um dann - und an dieser Stelle wird aus Arbeit und Akribie vielleicht Kunst - im richtigen Moment den Blick wieder verschwimmen zu lassen, um die Kontouren zu erkennen und zu entdecken, was erzählt, gesungen, gemalt, krakeelt, gewütet und geschimpft oder in Holz und Stein gehauen werden will und - das Wichtigste - das dann auch zu tun. 

Ich bin davon überzeugt, dass diese herausfordernde, aber auch kostbare und reizvolle Aufgabe in den allerbesten Händen liegt und ich wünsche gutes Gelingen.

Björn Both / Santiano

Trutz, Blanke Hans

Detlef von Liliencron

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans!

Von der Nordsee, der Mordsee,
vom Festland geschieden,
Liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
Der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, Blanke Hans!

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
Trutz, Blanke Hans!

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
Die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tief Atem ein,
Und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
Viel reiche Länder und Städte versinken.
Trutz, Blanke Hans!

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
Kein Korn mehr faßt der größeste Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom,
Staut hier täglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, Blanke Hans!

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
Lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
„Wir trotzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!“
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, Blanke Hans!

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
Der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
Belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
Das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.
Trutz, Blanke Hans!

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,
Und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
Kommen wie rasende Rosse geflogen.
Trutz, Blanke Hans!

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
Und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
Schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Trutz, Blanke Hans?

Die virtuelle Ausstellung

De grote Mandränke

Die zweite Marcellusflut, auch: Mandrankels, Grote Madetuen oder Grote Mandrenke („große Manntränke, großes Ertrinken“), bezeichnet eine verheerende Sturmflut im 14. Jahrhundert an der Nordseeküste von Ostfriesland bis Nordfriesland. Laut späterer Überlieferung begann sie am 15. Januar 1362, erreichte am 16. Januar – dem Tag Marcelli Pontificis, das heißt des heiliggesprochenen Papstes Marcellus I., nach welchem sie den Namen Marcellusflut erhielt – ihren Höhepunkt und fiel erst am 17. Januar wieder ab. In dieser Flut sollen die nordfriesischen Uthlande zerrissen sein. Rund 100.000 Hektar Land, darunter viel fruchtbares Kulturland, gingen verloren. Zwischen Elbe und Ripen sollen der Überlieferung nach zehntausende Menschen ums Leben gekommen sein. Rungholt, der damals größte Handelsort des Nordens, ging verloren. Die Entstehung von Dollart, Leybucht und Jadebusen wurde mit diesem Datum verbunden. Zeitgenössische Quellen in England, Holland und Bremen berichten ausschließlich über einen Sturm aus dem Westen, Südwesten und Süden, der die südliche Nordseeküste verschont haben wird.In der deutschen Küstenforschung des 20. Jahrhunderts nahm die Sturmflut jedoch seit Carl Woebcken eine Schlüsselstellung ein, wobei sie für einen großen Teil des spätmittelalterlichen Landverlusts verantwortlich gemacht wurde.

 

Video: Michael Thomas Holstein, Musik: Jens Rusch  (Suno) Textkomponenten : "Nis Randers" und "Trutz Blanke Hans" und eigene Passagen.

Recherche

Erster Recherche-Besuch in der Ferring Stiftung auf der Insel Föhr, angeleitet durch unseren Schirmherren Peter Harry Carstensen (Mitte) und fachkundig instruiert durch Prof. Dr. Volkert F. Faltings (zweiter von rechts).

 

Es ist sein Schiff. Er hat es selbst gebaut.

Zwischen den Masten blähen sich Buchseiten wie Segel, gespeist aus erlesenen Inhalten. Sie trugen ihn über norddeutsche Untiefen und amphibische Landschaften, die alle sechs Stunden verschwinden. Er erkannte Phänomene, die sich jeder nüchternen Beschreibung entzogen und nach einer eigenen Metaphorik verlangten. Einer Bildsprache, die er erst erfinden musste.

Auf den Buchseiten der Großsegel schimmern Passagen aus dem Don Quichote seines Lehrers, verwoben mit der Futhark-Symbolik der Wikinger. Das von der Nordsee verschlungene, gierige Atlantis wird durchstreift von einem geisterhaften Hauke Haien, den offenbar die indigenen Ortsmarker eines Arno Schmidt auf eine ganz eigene Zeitreise mitgenommen haben. Auf anderen Seiten treten griechische und arabische Schriftzüge hervor – Spuren eines kosmopolitischen Rungholt, wie es vor ihm wohl kaum jemand erblickt hat.

„Für mich ist die Nordsee-Brise ein psychedelisches Aphrodisiakum“, sagt der Künstler, 75 Jahre alt, und gut ein Drittel davon dem Krebs abgetrotzt.

An einer der Schubladen der zerschundenen Strandgut-Kommode klebt eine Notiz: Norddeutscher Surrealismus.

Es ist nicht die unterste Schublade.


Den "Stoff aus dem die Träume sind" webt man bei uns an der Küste immer noch aus Seemannsgarn. Das beste Beispiel sind die nordfriesischen Münchhausen-Erzählungen um das sagenumwobene Rungholt. Es lohnt sich wirklich, da mal etwas genauer hinzuhören.

Chronik eines Sturmwesens, das niemand gerufen hat – aber dem alle begegnen werden.

Über den versunkenen Marschen, dort, wo die Nordsee ihre verlorenen Städte wie Kiesel im Rachen wälzt, erhebt sich ein Wesen, das nicht aus den warmen Mythen des Südens stammt.

Seine Herkunft liegt im Grollen der Sturmfluten, im Schweigen der Marschhorizonte und im Unheil, das langsam, aber verlässlich an die Türen der Küste klopft.

Der Norddeutsche Pegasus ist kein Tier aus Fleisch.

Er besteht aus nichts als Wind, Erinnerung und Knochen.

Sein Schädel trägt den Ausdruck des letzten Pferdes, das Rungholt sah.

Seine Zähne könnten Geschichten erzählen – wenn Knochen sprechen könnten.

Und seine Schwingen, filigran wie die urzeitlichen Fächer des Archäopterix, schlagen wie ein Uhrwerk der kommenden Zeit.

Dieses Wesen fliegt nicht über Heldenepen, sondern über Warnzeichen.

Es zieht Bahnen über den Hauke-Haien-Koog, über die Halligen, über die Küstenlinien, die jedes Jahr ein wenig kantiger werden.

Unter ihm liegt ein Atlantis aus Backstein und Schlick.

Zwischen Wellengischt und Kirchgiebeln hebt sich die Vergangenheit wie ein nasser Atemzug.

Man könnte fragen, warum ein solcher Bote erscheint.

Doch die Antwort ist einfach:

Die Nordsee klingelt nicht – und sie füllt auch keine Anmeldeformulare aus.

Sie kommt einfach.

Und so wird der Norddeutsche Pegasus zum unbestechlichen Erzengel aus Salz und Sturm.

Nicht gesandt, nicht erfunden, sondern unvermeidlich.

Ein Menetekel, das über den Horizont zieht wie eine zweite Sturmfront.

Ein Wesen, das mehr Wahrheit enthält als alle Gutachten zusammen.

Er ist kein Reittier.

Kein Trost.

Kein Heilsbringer.

Er ist der Chronist einer Küste, die seit tausend Jahren verhandelt –

und nun zu verlieren droht.

Deshalb fliegt er.

Deshalb schlägt er mit Knochenflügeln, die klingen wie das Klappern alter Scheunentore kurz vor dem Orkan.

Und deshalb wird er bleiben, solange der Mensch die Zeichen überhört.

Geschichte lebt vom Erzählen

Grußworte und Mutmacher


"Was wir zu sehen glauben, ist lediglich die Visualisierung unserer Imaginationen"   Salvador Dali

Aus der Chronik des Letzten, der noch trocken saß

Anno 1362, am Tage des heiligen Marcellus, da hob sich das Meer nicht allein gegen das Land, sondern gegen das Gedächtnis der Menschen.

Der Wind war zuvor gegangen wie ein Gerücht.
Er kam über die Marsch, fuhr durch die Gräser und legte sich in die Dächer. Doch in der Nacht gewann er Stimme, und mit ihm wuchs das Wasser, als sei es von innen her getrieben.

Die Deiche, aufgerichtet aus Hoffnung und Gewohnheit, hielten eine Weile stand. Dann hörte man kein einzelnes Brechen, sondern ein fortgesetztes Reißen, als zöge eine unsichtbare Hand das Land unter den Füßen hinweg. Erde sank, Gras löste sich, Pfähle kippten. Das Meer trat nicht ein – es nahm Besitz.

Ich sah, wie Häuser aufschwammen wie leere Schalen.
Ich hörte Stimmen, die nach Gott riefen, nach Nachbarn, nach ihren Kindern. Doch das Wasser antwortete nicht. Es war überall zugleich. Es hatte kein Gesicht – und doch war es gegenwärtig.

Kirchtürme standen schief im Dunkel wie mahnende Finger, ehe auch sie im Brausen verschwanden. Warften, die man für sicher gehalten hatte, wurden zu Inseln, dann zu Erinnerungen.

Am Morgen war die Welt eine andere.
Wo gestern Saat stand, war See.
Wo Namen wohnten, war Stille.

Manche sagten, es sei Strafe. Andere sagten nichts mehr.
Doch ich meine, in jener Nacht habe das Meer nicht gezürnt – es habe erinnert. Es habe sich genommen, was ihm zuvor entrissen worden war.

Seit jener Stunde schreibe ich mit nasser Feder.

Denn ich weiß:
Das Land ist nur geliehen.
Und wer glaubt, es gehöre ihm, der irrt.

 

Ich sitze noch und halte das Buch.
Doch das Wasser steigt.

Slider: KI-Imaginationen von Michael Thomas Holstein