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Auf den ersten Blick erzählt dieses Buch die Geschichte einer versunkenen Stadt. Von Walfängern, Fischern und einer Kathedrale, die aus den Knochen der größten Geschöpfe unserer Erde errichtet wurde. Es erzählt von Hoffnung, von Schöpferkraft und von jenem uralten Traum des Menschen, etwas zu erschaffen, das größer ist als er selbst.
Doch Rungholt ist nur die Bühne.
Die eigentliche Geschichte handelt von uns.
Seit Jahrhunderten berichten Chronisten vom Untergang Rungholts. Sie erzählen von Sturmfluten, vom steigenden Meer und von einer Gesellschaft, die Warnungen nicht ernst nahm, weil Wohlstand, Macht und Selbstgewissheit stärker erschienen als jede Mahnung. Ob sich all dies tatsächlich so ereignet hat, wird wohl niemals mit letzter Gewissheit zu beantworten sein. Gerade deshalb ist die Legende bis heute lebendig geblieben.
Legenden überdauern nicht, weil sie historische Fakten wiedergeben.
Sie überdauern, weil sie zeitlose Wahrheiten erzählen.
Heute erleben wir erneut eine Welt im Wandel. Der Meeresspiegel steigt. Gewaltige Gletscher verschwinden. Die Polkappen schmelzen. Wetterextreme werden zur neuen Normalität. Wissenschaftler warnen seit Jahrzehnten eindringlich vor den Folgen eines sich dramatisch verändernden Klimas – und dennoch begegnen wir denselben Mechanismen wie einst in der Sage von Rungholt: Verdrängung, Leugnung, wirtschaftliche Interessen und die trügerische Hoffnung, dass alles schon nicht so schlimm werden wird.
Manchmal frage ich mich, was geschehen wäre, wenn es damals bereits eine Bewegung gegeben hätte, die laut und unüberhörbar vor der Großen
Mandränke gewarnt hätte.
Vielleicht hätte sie „Fridays for Mandränke“ geheißen.
Ein Gedanke, der zunächst ein Lächeln hervorruft – und im nächsten Augenblick seine bedrückende Ernsthaftigkeit offenbart.
Denn vielleicht ist die Große Mandränke nie wirklich zu Ende gegangen.
Vielleicht rollt ihre nächste Welle längst auf uns zu.
Dieses Buch ist deshalb keine nostalgische Reise in das Mittelalter. Es ist auch keine historische Rekonstruktion. Es ist eine Parabel über den Menschen – über seinen Erfindungsgeist, seine Hybris, seine Fähigkeit zu Großem und seine erstaunliche Begabung, Warnungen so lange zu überhören, bis aus Möglichkeiten Wirklichkeit geworden ist.
Die Walknochenkathedrale steht dabei als Sinnbild für alles, was wir erschaffen können.
Rungholt erinnert uns daran, dass selbst die gewaltigsten Bauwerke vergänglich sind.
Die Frage ist nicht, warum Rungholt unterging.
Die eigentliche Frage lautet:
Haben wir aus Rungholt gelernt – oder werden spätere Generationen auch unsere Zeit nur noch als eine Legende erzählen?