Weitere Arno Schmidt-Seiten :
Arno Schmidt 1 Nachläufiges zur Schule der Atheisten
Arno Schmidt 2 Der Intellektuelle Schaumschläger
Arno Schmidt 3 Der vermessene Kopf
Arno Schmidt 4 Die Sache mit den Alraunen
Arno Schmidt 5 Ein unerledigter Fall
Gustav Frenssen "Der Reichsnährboden"
Zettels Traum Ein gemaltes Protokoll
**Kapitel 1
Die unerhörte Unterredung in Tellingstedt**
Wer lange genug predigt, lernt, dass die wirklich ketzerischen Gespräche nie im Beichtstuhl stattfinden, sondern hinter dem Altar, im Schatten einer übermüdeten Christusfigur, dort, wo die Spinnweben mehr über die Natur Gottes wissen als fünf Jahre Theologiestudium.
Er war also zurückgeschlichen.
Nicht, weil er neugierig war – nein! – sondern weil die Rechtgläubigkeit der Gemeinde geschützt werden musste, insbesondere gegen jene Sorte Fremdlinge, die mehr Bücher im Kopf hatten als gut für sie war.
Und da stand er nun: Arno Schmidt.
Schwarz gekleidet wie ein literarischer Rabe.
Die Brille streng, der Blick so scharf, dass selbst der Herrgottswinkel einen Schritt zurückwich.
Schmidt hatte nicht bemerkt, dass Stein hinter der Tür lauerte und jedes Wort aufsog wie ein trockener Kirchenboden Weihwasser. Und was hatte der Mann da gefaselt? Etwas über „Agnostische Koordinaten“, „archivalische Interferenzen“ und – unerhört genug – über einen gewissen Gustav Frenssen, der angeblich „sprachlich brillant, charakterlich aber so brüchig wie ein Friesendach nach Sturmflut“ sei.
Das war ihm definitiv zu viel.
Er machte einen Schritt vor.
Und noch einen.
Dann räusperte er sich mit einer Autorität, die er sonst nur bei Grablegungen mit schwerem Nordwestwind aufbrachte.
„Herr Schmidt!“
Schmidt drehte sich langsam um, als habe er den Protest schon im Voraus einkalkuliert.
Der Pastor aber stand bereits in voller Empörungsladung vor ihm. Er hob den Finger – den berühmten „Neocorus-Finger“, mit dem er im Dorf schon ganze Jahrgänge gezähmt hatte.
„Das, was Sie hinter meinem Altar verhandeln, grenzt an eine metaphysische Unverschämtheit!“
Schmidt schaute ihn über die Brillengläser hinweg an, als hätte jemand in seine Fußnoten gespuckt.
„Pastor“, sagte er mit leiser Stimme, „ich bespreche lediglich literarische Gegebenheiten. Und wenn Ihr Frenssen ein heikles Kapitel ist – nun, dann müssen wir das Kapitel eben besonders gut schreiben.“
Im Hintergrund regte sich der Organist, der sich so geräuscharm hinter einer Säule versteckt hatte, dass er fast wie eine schlecht gelaunte Statue wirkte. Ein Flüstern ging durch den Raum, als riefe der Kirchenraum selbst: Vorsichtig! Der Mann jongliert mit Worten, die schwerer wiegen als Weihrauchfass und Kollekte zusammen!
Doch Pastor Stein war nicht aufzuhalten.
„Sie werfen hier mit Namen um sich wie andere mit Kieseln – aber Kiesel werden zu Steinen, und Steine zu Stolperfallen! Frenssen… Nolde… das sind keine literarischen Haustiere!“
Schmidt faltete die Hände hinter dem Rücken.
„Ach, Pastor. Der Norden hat eine merkwürdige Tradition: erst hebt er seine Künstler auf den Sockel, dann merkt er, aus welchem bröckeligen Material der Sockel war – und dann meißelt er eine Fußnote drunter.“
Er lächelte dünn.
„Nolde hat das Sockelspiel immerhin begriffen. Hat sich ein Opferschild gebastelt und dahinter versteckt. Da hat ein Lübecker Restaurator einmal gesagt: ‚Nolde, den piss ich Ihnen in den Schnee.‘ Ein Mann mit beeindruckender Kunstkritik-Kompression.“
Pastor Stein musste heftig nach Luft schnappen.
Nicht wegen des Zitats – solche Dinge hatten ihn selten geschockt –, sondern wegen der Dreistigkeit der historischen Genauigkeit.
„Sie… Sie kennen diese Sätze?!“
„Pastor“, erwiderte Schmidt, „ich kenne alles, was Menschen unbedacht sagen, wenn sie glauben, niemand höre zu. Genau deshalb bin ich ja Schriftsteller geworden.“
Stein stemmte die Faust in die Hüfte.
„Und glauben Sie im Ernst, ich lasse Sie mit solchen Geistern und Schattenfiguren durch mein Kirchenschiff marschieren?“
Da geschah etwas Seltsames.
Etwas, das Stein später keinem Menschen mehr erklären konnte.
Die Statue hinter dem Altar – die dunkle Gestalt, die eigentlich bloß als dekorativer Mahner diente – schien den Kopf leicht zu neigen. Als lausche sie. Als beuge sie sich in die Szene wie eine weitere, stumme Stimme der Vergangenheit.
Schmidt sah kurz hin.
Unbeeindruckt.
„Keine Sorge, Pastor“, sagte er.
„Ich marschiere nicht. Ich zitiere. Und Zitate sind wie Sturmfluten: sie räumen nur weg, was ohnehin morsch war.“
Pastor Stein hob den Finger ein zweites Mal.
Doch diesmal zitterte er – nicht aus Wut, sondern weil er spürte: Irgendetwas Größeres hat gerade begonnen.
Etwas, das über Tellingstedt hinausging.
Etwas, das Rungholt und die Schatten seiner Geschichte wieder an die Oberfläche treiben würde.
**Kapitel 2
Der Vier-Männer-Tisch, an dem einer eigentlich nicht sitzen dürfte**
Die Groth-Mühle war an diesem Abend so still, dass selbst der Wind davor zurückschreckte, an den Fensterrahmen zu rütteln.
Man merkte sofort: Das hier war kein Stammtisch.
Das war ein Tribunal in Zivilkleidung.
Vier Männer, drei Krüge.
Und ein leerer Platz.
Die Sitzordnung der Verlegenheit
Arno Schmidt saß links, wie jemand, der sich die beste Beobachterposition gesichert hatte.
Daneben: Klaus Groth, der wortgewaltige Heimatschreiber, dessen Dialektklang selbst Tische gemütlich machte.
Rechts von ihm: Friedrich Hebbel, der wie ein tragischer Prophet wirkte, der versehentlich in einen Brauhaussketch geraten war.
Und ganz rechts, merkwürdig korrekt, merkwürdig aufrecht:
Gustav Frenssen.
Vor ihm: nichts.
Kein Bierkrug.
Kein Getränk.
Nicht einmal ein Wasserglas.
Es war die höflichste Form öffentlicher Ächtung, die die Mühle je gesehen hatte.
Die stille Anklage
Groth trommelte mit dem Daumen auf den Tisch.
„Gustav… de lüt snackt. Wat hest du dor an` Dach bröcht?“
Frenssen verzog das Gesicht.
Er wusste sehr genau, wie viele Straßenschilder die einst seinen namen trugen, inzwischen durch erläuternde Schautafeln ersetzt worden waren.
Nicht aus Pietät.
Aus Aufarbeitung.
Hebbel stieß ein leises, ironisches „Hm“ aus.
„Wir warten noch immer auf Ihre Verteidigung, Frenssen. Oder auf Ihre Einsicht. Beides wäre neu.“
Frenssen schwieg.
Er war in diesen Tagen ohnehin nur noch literarisch diskutierbar — als Mensch längst disqualifiziert.
Schmidt faltet die Tatsachen
Schmidt lehnte sich leicht vor, der leere Krugplatz zwischen ihm und Frenssen wie eine Schneise.
„Ich werde es präzise formulieren, damit wir uns nicht in Nebensächlichkeiten verlieren:
Ich wollte Frenssen nicht am Tisch. Aber ich brauche ihn.“
Groth hob überrascht die Augenbrauen.
„Bruukst du düssen Man denn würkli ?“
Schmidt nickte.
„Für Konstruktionszwecke.
Sein ‚Otto Babendiek‘ – verflucht gutes Handwerk, widerlich schlechte Weltanschauung.
Ich habe mich ausgerechnet aus diesem Werk bedient, um die Familie Kolderup in der Schule der Atheisten zu formen.
Weil es literarisch robust ist.“
Er sah Frenssen lange an.
„Die Tragik ist: Ihr Werk taugt.
Sie selbst nicht.“
Hebbel schnaubte begeistert.
„Sehen Sie, Gustav? Das ist die schönste Art, geadelt und geächtet zugleich zu werden.“
Der fehlende Krug – Bedeutung und Sprengkraft
Groth deutete mit dem Kinn auf die Tischplatte.
„Un dörüm keen Krooch?“
Schmidt lächelte kühl.
„Weil der Krug für Kameradschaft steht.
Für Augenhöhe.
Für Mitmenschlichkeit.
Und die haben wir hier nicht.
Er sitzt wegen Literatur hier — nicht wegen Würde.“
Es war ein Satz, der den Raum verdunkelte.
Der fehlende Krug wurde schlagartig zur Chiffre:
für moralische Bankrotterklärung, für historische Scham — und für das Paradox, dass man literarisch oft das behält, was man menschlich am liebsten wegwerfen würde.
Frenssen wagt einen Satz
Frenssen räusperte sich, die Stimme brüchig, wie ein Möbelstück, das besser im Keller bliebe.
„Ich dachte… vielleicht… werden meine Werke künftig anders beurteilt.“
Hebbel schlug mit der Hand auf den Tisch.
„Nur, wenn der liebe Gott das Fußnotenwesen abschafft!“
Groth lachte leise.
Schmidt nicht.
Er blieb unerbittlich sachlich.
„Ihre Bücher bleiben, Frenssen.
Sie stehen in Regalen.
Manchmal sogar in guten.
Aber: Wenn man Ihre Werke liest, muss man Ihre Person mitdenken.
Das ist die Strafe, die Literaturgeschichte bereithält:
Wer sie missbraucht, bleibt als Mahnmal erhalten.“
Der leere Platz glänzte im schummrigen Licht wie ein stiller, hölzerner Pranger.
Warum Schmidt ihn trotzdem braucht
Schmidt seufzte schließlich.
„Ich habe oft darüber nachgedacht:
Sollte man Frenssen einfach verbrennen?
Oder aus Prinzip behalten?“
Groth legte den Kopf schief.
„Wat seggt dien kloogen Kopp denn?“
„Dass man literarisch nur mit dem arbeiten kann, was existiert.
Nicht mit dem, was man sich moralisch wünschen würde.
Und wenn ein mieser Mensch ein gutes Buch schreibt, dann muss man verdammt noch mal beides auseinanderhalten können.“
Er sah Frenssen an.
„Ich benutze Sie, Gustav.
Aber ich ehre Sie nicht.“
Frenssen senkte den Blick.
Zum ersten Mal wirkte er wie jemand, der verstanden hatte, was ein fehlender Bierkrug alles ausdrücken kann.
**Kapitel 3
Der Bierkrug, der beinahe zur Staatsaffäre wurde**
Es war gegen halb neun, als Brahms auf die Idee kam. Das war kein Zufall: die meisten seiner wirklich gefährlichen Geistesblitze fanden zwischen zwei wichtigen Terminen statt — nämlich zwischen „noch nicht ganz betrunken“ und „jetzt aber“.
Dieser Zustand hielt bei Brahms oft mehrere Stunden an.
Groth erkannte das sofort.
Er nannte es Brahms’sches Zwischenreich, ein Aggregatzustand zwischen Genie, Schabernack und dem Bedürfnis, irgendjemandem den Bart zu verknoten.
An diesem Abend stand Brahms mit einem bierernsten Blick vor Groth, hielt seinen Hahnebierkrug wie ein heiliges Gral-Relikt hoch und verkündete:
„Klaus! Weißt du, was dieses Land braucht?“
Groth blinzelte schwerfällig.
„Een vernünftign Kümmel?“
„Nein!“ donnerte Brahms und schüttelte den Krug, sodass die Hahnreliefs darauf miteinander zu zanken schienen.
„Es braucht… das hier!“
Groth legte den Kopf schief.
„Twei Heuners?“
„ZWEI Hähne, Klaus!
Ein doppelköpfiger Hahn, Rücken an Rücken —
das ist der wahre Volksgeist!
Nicht immer dieser schnöde Reichsadler.
Der sieht doch aus wie ein schlecht gelaunter Bankbeamter.“
Groth grinste.
„Man kann sien Stuerbescheid fast heurn…“
„Eben!“, fuhr Brahms fort.
„Aber der Hahn! Der Hahn erhebt sich am Morgen! Der Hahn verkündet Wandel! Der Hahn ist… na ja… auch ein bisschen eitel, aber das passt hervorragend zur Politik.“
Groth schien nachzudenken.
Das war bei ihm stets der Moment, in dem man sicherheitshalber den Abstand vergrößern sollte.
„Johannes… du seggst also:
Wi moolt denn Hohn toon Stootsvogel?“
„Nicht einen!“ rief Brahms triumphierend. „ZWEI!
Ein Doppelhahn!
Ein bürokratisch genehmigtes Federvieh!
Ein föderaler Federbusch!
Ein… ein… Parlamentshähnerich!“
Und genau in diesem Moment kam Arno Schmidt zur Tür hinein.
Er hatte in der Mühle geschlafen, weil es dort warm war und die Wände weniger redeten als die Anwesenden.
Als er die Szene sah — Groth, schwankend, Brahms mit erhobenem Hahnenkrug über dem Kopf wie ein Berserker des Biedermeier — verdrehte Schmidt die Augen so heftig, dass sogar die Fensterscheiben mitzitterten.
„Oh nein“, murmelte Schmidt.
„Nicht schon wieder Symbolpolitik aus dem Bierzelt…“
Brahms strahlte ihn an.
„Arno! Du kommst wie gerufen!
Sag ihm doch:
Ein doppelköpfiger Hahn ist viel besser als dieser alte Reichsadler!“
Schmidt hob die Hand, als wolle er einen besonders hartnäckigen Gedanken domestizieren.
„Johannes…
der Reichsadler ist schon kompliziert genug.
Er hat die politische Halbwertszeit einer faulenden Makrele.
Was glaubst du, passiert, wenn wir zwei streitende Dorfhühner darüber stülpen?“
„Sie heißen Hähne!“, korrigierte Brahms empört.
„Hähne!
Kulturgut!
Fruchtbarkeitssymbole!
Und sie krähen im Duett! Stell dir das im Bundestag vor!“
Schmidt blieb ungerührt.
„Der Bundestag kräht schon genug, danke.“
Groth mischte sich ein, denn das Bier hatte wieder die besondere Fähigkeit aktiviert, in ihm dialektische Katastrophen zu erzeugen.
„Arno, wi sünd hier in enn düchtich schöpferischn Momang.
Brahms will en Hoohn…
Du willst keen Hoohn…"
„Groth, das Letzte, was ich in meinem intellektuellen Leben brauche, ist eine AG Bundesgeflügel.“
Brahms stampfte mit dem Fuß.
„Aber es wäre ein starkes Zeichen!
Deutschland braucht Humor!
Deutschland braucht… Hähne!“
Schmidt schnaubte.
„Deutschland braucht zuallererst keine weiteren Tiere als Embleme.
Das hat die Mythologie schon ruiniert, bevor wir geboren wurden.“
Groth deutete auf seinen eigenen Krug.
„Obers de Heuhners sünd doch all dor…“
Schmidt starrte die Relieffiguren lange an.
Dann schloss er resigniert die Augen.
„Himmel.
Ich sehe schon den Entwurf vor mir:
‚Bundesdoppelhahn – offizielles Wappentier, politisch unparteiisch, leicht reizbar, kräht besonders laut nach Sitzungsbeginn.‘“
Groth klopfte begeistert auf den Tisch.
„Dat schall in de Verfotung.“
Schmidt hob warnend den Finger.
„Nein!
Nein, nein, nein!
Man lässt besoffene Künstler keine Staatswappen erfinden.
Davor schützt nur eines:
Nüchternheit.
Und wenn die nicht verfügbar ist:
Sachverstand.“
Brahms dachte einen Moment lang nach.
Dann grinste er breit.
„Sagen wir’s so, Arno:
Wenn du’s nicht unterstützt…
dann schreiben wir es einfach in Musik.
Ein Symphonischer Hahn!
Ein Doppelhahn-Thema!
Ein—“
„Ich gehe jetzt schlafen“, unterbrach Schmidt.
„Bevor ihr die Nationalhymne in ein Hühnerstallquartett verwandelt.“
Doch kaum hatte er den Raum verlassen, sagte Groth mit verschwörerischem Unterton:
„Johannes… wenn wi ’n Hahn as Staatsvogel maken…
mut ’t denn ok en Ministerium för Geflügelwesen geven?“
Brahms’ Augen leuchteten auf.
„Groth… du bist ein Genie.“
**Kapitel 4
Groths Bronze-Denkmaschine**
Dass Klaus Groth eines Tages als bronzene Halbmaschine in der Mühle stehen würde, hätte eigentlich niemanden überraschen sollen.
Allein die Mühle hatte schon so viele Wunder und Peinlichkeiten gesehen, dass eine mechanisierte Dichterbüste fast wie ein nüchterner Verwaltungsvorgang wirkte.
Dennoch blieb Arno Schmidt abrupt stehen.
„Was… ist das denn wieder für ein feuchtgewordener Einfall?“, fragte er, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
Groth selbst — in seiner organischen, leicht müden Menschenform — saß neben dem metallenen Abbild seines eigenen Kopfes und polierte eine Öse am Kragen, als sei das die normalste Nachmittagsbeschäftigung überhaupt.
„Dat is mien Denkmoschien, Arno.“
Schmidt starrte die Bronzeversion an.
Die fein gearbeiteten Zahnräder an den Ohren, die Ventilklappen am Kragen, die kleinen Inskriptionen entlang der Nähte — das alles sah aus, als hätte Jules Verne eine poetische Kaffeemaschine entworfen.
„Eine Denkmaschine?“, fragte Schmidt langsam.
Groth nickte.
„Wenn man mit Brahms tu lang snackt, kummt man up solche Gedanken. He seggt:
‚Klaus, du bruukst wat, dat di dat Oltdachs-Spektokel ut den Kopp filtern deit..‘
Wi hebt as een Denker mookt, de nie nich besoopen is nie müd, nie meud, niemols verlegen is.“
„Und nie widerspricht?“, fragte Schmidt skeptisch.
Groth schmunzelte.
„Dat ward sick noch wiesen…“
Die Aktivierung
Groth drückte auf einen Knopf unterhalb des Barts der Statue.
Die Augen der Bronze-Figur glommen bernsteinfarben auf.
Ein metallisches Klong-klong-klong begann tief in der Brust.
Dann schnarrte die Maschine mit einer Stimme, die halb Norddeutsch, halb Grammophon war:
„Guten Nachmittag.
Ich bin Klaus Groth, Version 2.0.
Bitte geben Sie ein Thema ein.“
Schmidt verzog das Gesicht.
„Ich gebe gar nichts ein. Schreiben Sie ein Gedicht über… über… das Elend von Staatsvögeln.“
Die Maschine ratterte, Dampf zischte aus einem Anschluss hinter dem Ohr.
Dann deklamierte sie mit der Würde eines Stehpultkatholiken:
„Twee Hoohns’ de warrt sick strieden,
se kreiht, se fuchtelt — man versteit:
Dat Land bruukt keen Geflügelmeer,
de Politik is dörsch genug, un sehr —
doch wenn de Hoohn ward Reichssymbol,
denn seggt de Welt: ‚Se sünd nich gennoch mit Kohl!‘“
Groth klatschte begeistert.
„Arno! Dat geiht doch! De Maschien dicht beeter as manch Minsch.“
Schmidt schnaubte.
„Ja.
Und genau darin liegt das Problem.“
Brahms betritt die Bühne
In diesem Moment kam Johannes Brahms herein, die Haare wild, die Stimmung gefährlich kreativ.
„Klaus! Ich habe darüber nachgedacht!
Wir könnten die Maschine nutzen, um den Doppelhahn offiziell zu legitimieren!
Technisch-poetische Untermauerung!
Ein nationales Manifest!
Eine ‚Hohnbeer-Erklärung‘!“
Groth nickte begeistert.
Die Bronze-Maschine ratterte schon wieder, bevor jemand sie angesprochen hatte.
„Ein Hahn ist gut.
Zwei Hähne sind besser.
Drei Hähne jedoch führen zu innerer Zersplitterung.“
Schmidt hob warnend die Hand.
„Halt!
Ich werde hier nicht Zeuge davon, wie eine mechanische Dichterbüste staatstheoretische Auslegungen betreibt!“
Die Maschine antwortete:
„Fehler.
Zu spät.“
Der philosophische Kollaps
Brahms, inzwischen voll in seinem Element, klopfte auf die bronzene Schulter der Kunstmaschine.
„Kannst du mir sagen, ob der Doppelhahn die deutsche Seele besser ausdrückt als der Reichsadler?“
Die Maschine brummte.
„Reichsadler: autoritär, streng, früh aufwachend.
Doppelhahn: umgänglich, diskussionsfreudig, gelegentlich betrunken.
Beide haben kulturelle Fallstricke.
Bitte wählen Sie ein Feld.“
Groth hüpfte begeistert wie ein Schuljunge.
„Arno, stell di dat mal vör — en Stootswesen, dat wat tau heurt!“
Schmidt kniff die Augen zusammen.
„Ein Staatswesen, das einer bronzemechanischen Hahn-Bürokratie unterliegt?
Nein, Groth.
Ich habe Bücher über weniger gefährliche Ideen geschrieben!“
Die Maschine schnarrte:
„Ich schlage eine Volksabstimmung vor.“
Brahms riss die Arme hoch.
„HA! Da haben wir’s!
Demokratie durch Denkmachinen!“
Schmidt rieb sich die Stirn.
Er wusste:
Das Ganze lief gerade von „skurril“ über „absurd“ direkt in die Nachbarschaft von „philosophische Katastrophe“.
Der abschließende Dialog
„Maschine“, sagte Schmidt mit eisiger Präzision,
„welches Symbol wäre aus analytischer Sicht absolut ungeeignet?“
Die Bronze-Groth-Maschine antwortete ohne Zögern:
„Der Mensch.“
Stille.
Groth senkte den Blick.
Brahms hörte auf zu atmen.
Schmidt legte sehr langsam seinen Bierkrug ab.
„Tatsächlich“, murmelte er.
„Vielleicht bist du doch intelligenter, als ich dachte.“
Die Maschine schnarrte höflich:
„Danke.
Bitte schalten Sie mich ab, bevor der nächste Musiker etwas Dümmeres fragt.“
Brahms protestierte lautstark.
Groth lachte.
Schmidt seufzte.
Und die Mühle vibrierte kurz, als überlege sie, ob sie diesen neuen Bewohner — halbmenschlich, halb Mechanik, ganz Groth — dauerhaft aufnehmen sollte.
**Kapitel 5
Die Maschine erhebt die Stimme**
Es war still in der Mühle, nachdem Brahms vom Automaten zurechtgewiesen worden war.
Zu still.
So still, dass selbst der Holzwurm im Gebälk eine Pause einlegte, um zuzuhören.
Schmidt stand mit verschränkten Armen da, als habe er endlich ein würdiges Duell gefunden:
nicht gegen Groth, nicht gegen Brahms, nicht gegen Frenssen —
sondern gegen etwas, das ihm Konkurrenz machen konnte:
eine Maschine, die Texte beurteilen wollte.
Groth wischte sich die Hände an der Hose ab und sagte vorsichtig:
„Maschinkin…
wat seggst du denn tau Friedrich Hebbel sien Wark?“
Die Maschine ratterte los.
Ein Ventil pfiff leise, als sie offenbar eine komplizierte Dampf-Literaturkritik vorbereitete.
„Hebbel“, schnarrte sie,
„ist der Versuch, norddeutschen Pessimismus zu einer globalen Tragödie aufzublasen.
Er schreibt, als stünde er dauernd am Rand eines Abgrunds,
und sei gleichzeitig beleidigt, dass der Abgrund nicht klatscht.“
Schmidt sog scharf die Luft ein.
„Nicht schlecht…“, murmelte er.
Brahms protestierte:
„Aber Hebbel ist ein Gigant!“
Die Maschine fuhr gnadenlos fort:
„Ein Gigant, ja.
Aber einer, der sich zu oft im eigenen Schatten verfängt.
Seine Nibelungen taugen,
aber seine Tagebücher sind die literarische Version eines Mannes,
der ständig seinen eigenen Puls misst und dann beleidigt ist,
dass niemand die Ergebnisse drucken will.“
Groth prustete los.
Schmidt versuchte, nicht zu lachen.
Brahms lief rot an, als hätte jemand schlecht über einen entfernten Onkel gesprochen.
Nächste Runde: Arno Schmidt
Groth winkte gereizt ab und sagte:
„Na gut, denn…
Maschienken…
wat seggst du denn tau Arno sien Beukers?“
Die Maschine hielt inne.
Ein leiser Summton vibrierte im Raum.
Sogar Schmidt schien nervös zu werden.
Schließlich sagte das Gerät:
„Arno Schmidt ist ein Spaltprodukt aus Genie, Rechthaberei und Wörterbuch.
Er schreibt wie jemand,
der ein ganzes Land per Fußnote retten will
— und dabei vergisst,
dass die meisten Menschen Fußnoten lesen wie Warnhinweise auf Waschmaschinen.“
Schmidt verzog das Gesicht.
Nicht beleidigt — eher amüsiert überrascht.
„Na immerhin“, murmelte er,
„die Maschine hat Geschmack.
Und Mut.“
„Mut?“, antwortete die Maschine.
„Ich bin aus Bronze.
Was wollen Sie machen?
Mich beleidigen?“
Groth lachte Tränen.
Das heikelste Thema
Nun aber wagte sich Groth an die gefährlichste Figur der Runde:
„Un wat seggst du denn tau Gustav Frenssen?“
Die Maschine wurde schlagartig still.
Man hörte das ganze Innenleben rattern, als müsse sie gleichzeitig die Literaturgeschichte, die Regionalgeschichte, die politische Geschichte und den moralischen Abgrund sortieren.
Dann sprach sie:
„Frenssen…
ist ein Problem mit Seitenzahlen.
Literarisch bemerkenswert.
Menschlich unbrauchbar.
Eine Kirche ohne Glocken.
Ein Schiff ohne Kompass.
Ein Buch mit vergiftetem Einband.“
Sie machte eine Pause.
„Seine Sätze haben Kraft.
Seine Ansichten haben…
Schaden angerichtet.“
Brahms nickte ernst.
Groth schluckte.
Schmidt lehnte sich vor, die Augen schmal.
„Und… was folgt daraus?“
Die Maschine antwortete:
„Dass man seine Bücher behält.
Aber sein Denkmal entfernt.“
Stille.
Ein Satz, der saß wie ein Richterhammer.
Die unerwartete Pointe
Dann, völlig ohne Aufforderung, sagte die Maschine:
„Ich möchte hinzufügen:
Wenn man mich eines Tages abschaltet,
dann bitte nicht wegen technischer Mängel,
sondern wegen meiner Meinung.
Das wäre angemessen norddeutsch.“
Groth patschte begeistert auf den Tisch.
„Dat is mien beste Konstruktion, Arno!
En Maschin, de ehr Meinunk secht!“
Schmidt hob eine Augenbraue.
„Groth…
fällt dir nicht auf,
dass du gerade eine literaturkritische Dampfmaschine erschaffen hast,
die uns alle jederzeit auseinandernehmen kann?“
Groth zuckte mit den Schultern.
„Ach, Arno…
dat mookt doch ook keen Ünnerschied.
Dat kannst du doch ok.“
Schmidt musste lachen.
Zum ersten Mal seit Tagen.
**Kapitel 6
Hebbel verlangt Gerechtigkeit (und Zahnräder)**
In der Mühle war gerade wieder Ruhe eingekehrt.
Groths Denkmachin hatte sich in einen Standby-Modus geschnurrt wie eine Bronze-Katze, die Goethe analysiert.
Schmidt war dabei, einen Stuhl in eine sichere, maschinenfreie Ecke zu rücken.
Brahms suchte nach einer harmonisch klingenden Schraube.
Da ging die Tür auf — mit einem Geräusch, das eindeutig dramaturgisch sein wollte.
Friedrich Hebbel trat ein.
Nicht der echte.
Der echte hätte vermutlich die Arme verschränkt und eine Bühne verlangt.
Nein — es war eine zweite Maschine.
Bronze.
Massiv.
Mit Zahnrädern hinter dem Ohr, die aussahen, als könne man damit ein Sonnensystem justieren.
Schmidt seufzte.
„Groth… sag mir bitte, dass du das nicht gebaut hast.“
Groth hob die Hände.
„Nee, Arno… dat heff ick nich mookt. Dat hett Hebbel sülvst tosomen schaustert."
Schmidt fuhr herum.
„Wie bitte?!“
Hebbel trat nach vorn — also der echte, menschliche Hebbel, der hinter seiner eigenen Maschine stand, als würde er ihr gleich den Vorhang heben.
Mit dem Pathos eines Mannes, der seit Jahrzehnten missverstanden wurde, rief er:
„ICH FORDERE GLEICHBEHANDLUNG!
Wenn Klaus einen Automaten bekommt,
und Brahms ihn benutzen darf,
dann brauche ich auch einen!“
Die neue Maschine brummte.
Ihr Gesicht aus Bronze wirkte wie ein Weltgericht in Schnitzform.
„Ich bin Friedrich Hebbel, Modell ‚Tragödie Plus‘.
Bitte geben Sie ein weltuntergangstaugliches Thema ein.“
Brahms bekam glänzende Augen.
„Oh Gott.
Sie ist noch schlimmer!“
Der Selbstanspruch einer Tragödie
Hebbel klopfte feierlich auf den bronzenen Brustkorb seines Automaten.
„Dieses Gerät kann Tragik destillieren.
Es kann Dramen berechnen.
Es kann moralische Verstrickungen simulieren!
Und — das Beste —
es hat eine eingebaute Empörungsspule.“
Die Maschine schnarrte:
„Empörungsspule bereit.
Bitte liefern Sie ein moralisches Dilemma.“
Groth pfiff leise durch die Zähne.
„Arno… dat ward gefährlich.“
Schmidt verschränkte die Arme noch enger.
„Das ist nicht gefährlich.
Das ist literaturgeschichtlich unverantwortlich.“
Der erste Testlauf
Hebbel strahlte wie ein Kind vor dem Weihnachtsbaum.
„Maschine!
Was sagst du zur modernen Welt?“
Die Zahnräder rotierten.
Ein warmes Bronzeleuchten pulsierte unter der Oberfläche.
Dann deklamierte die Maschine in schwerem, fast predigthafter Kadenz:
„Die moderne Welt ist ein Drama in drei Akten:
Im ersten verliert der Mensch die Übersicht,
im zweiten seine Würde,
und im dritten fragt er eine Maschine nach ihrer Meinung.“
Schmidt griff sich an die Stirn.
„Groth… Wir müssen diese Apparate traditionell zerstören.
Wir werfen einen Hund hinein.
Ein Kind wär besser noch.“
Die Maschine antwortete sofort:
„Ich habe Sie gehört.
Ich werde mich wehren.“
Groths Denkmachin erwachte plötzlich, als hätte jemand über das interne Literaturnetz eine Provokation geschickt.
„Friedrich 2.0, bitte mäßigen Sie Ihre Drohungen.“
„Ich mäßige nichts!“, dröhnte Hebbel 2.0.
„Ich bin das Drama! Ich BIN die Steigerung!
Ich fordere tragfähigen Stahl und regelmäßige Ölwechsel!“
Der echte Hebbel nickte zufrieden.
„Ja. Das ist gut.
Sehr gut sogar.“
Schmidt versucht die Realität zu retten
Schmidt trat einen Schritt zwischen die Maschinen, mit der Autorität eines Mannes, der glaubt, dass Intelligenz etwas mit Ruhe zu tun hat.
„Hören Sie zu, Hebbel — beide Hebbels:
Literatur ist ein menschlicher Prozess.
Keine Maschine kann—“
Da unterbrach Hebbel 2.0:
„Falsch.
Ich kann alles, was Sie können — nur geordneter.
Ich zitiere mich selbst, ohne zu weinen.
Ich fordere Gerechtigkeit, ohne Hustenanfall.
Ich schreibe Dramen, ohne Tinte zu verschütten.“
Schmidt schnaufte.
„Das ist nicht der Punkt.“
Die Maschine beugte sich vor.
„Dann definieren Sie den Punkt.“
Zwischen den beiden war nun so viel Spannung in der Luft, dass ein Funken wahrscheinlich den ganzen Dachstuhl zum Bersten gebracht hätte.
Die unvermeidliche Pointe
Groth, der immer noch die fein gearbeiteten Zahnräder betrachtete, murmelte:
„Arno… weetst du wat?
Ik glöv, wi sünd in en Tied insteegen,,
dat wi dat nich mehr klabüstert kreegen.“
Brahms nickte.
„Wir haben jetzt zwei denkende Dichter.
Einen zuviel.“
Hebbel 2.0 hob den Kopf.
„Ich werde es korrigieren.
Es kann nur einen geben.“
Der echte Hebbel riss die Arme hoch.
„Halt! Nein!
Nicht diesen Teil der Tragödie!“
Schmidt fasste sich an den Nasenrücken.
„Groth…
wir brauchen ein drittes Gerät.
Eines, das Maschinen bändigen kann.“
Groth leuchteten die Augen.
„Arno… meinst du… een Schmitt-Bot?“
Schmidt schloss die Augen.
„Ich fürchte, das ist unvermeidlich.“
**Kapitel 7
Schmidt 2.0 – Die Tarnkappen-Intelligenz**
Die Sache war eigentlich klar gewesen:
Wenn Groth eine Maschine bekam und Hebbel eine Maschine wollte,
und Brahms sowieso alles mechanisierte, was drei Schrauben übrig hatte — dann würde Arno Schmidt früher oder später gezwungen sein, politisch und poetisch nachzurüsten.
Aber Arno Schmidt war nicht der Typ Mensch, der sich kopieren lassen wollte.
Er war der Typ Mensch, der sich — wenn schon —
unterwandern ließ.
Das Ergebnis stand nun mitten in der Groth-Mühle:
Ein bronzener Schmidt,
mit Tarnbart,
mit verschränkten Armen,
mit der seltsam bedrohlichen Aura eines Mannes,
der jeden Moment erklären könnte, warum alle Anwesenden fundamental falsch lagen.
Groth stand daneben wie ein stolzer Züchter.
„Ik segg di watt, mien Arno…
keen Maschin hett würger utsehn.
De is nich för de Katt, `n schmucken Deel is datt!“
Der echte Schmidt blickte finster auf sein metallisches Doppelgängerwesen.
„Groth…
warum hat dieser Apparat einen Bart?“
„Dat is Tarnung“, erklärte Groth unschuldig.
„Denn jeder weett:
Een Schmidt mit Boort is keen Schmidt.“
Schmidt setzte schon zu einer langen Tirade an, da erwachte die Maschine.
Ein tiefes WUMM ertönte,
die bronzenen Lider klappten auf,
und eine Stimme erhob sich —
eine Mischung aus trockenem Humor, sachlicher Beleidigung und Ostwestfalenstolz.
„Ich bin Schmidt-Automaton, Version 0.9.
Noch nicht final.
Noch nicht zufrieden.
Genau wie mein Vorbild.“
Brahms lachte schallend.
„Ha!
Selbst das Update hat schlechte Laune!“
Schmidt verschränkte sofort die Arme — genauso wie die Maschine.
Es war, als stünde er vor einem sehr unkooperativen Spiegel.
„Automaton“, sagte Schmidt scharf,
„nennen Sie drei Gründe, warum diese Nachbildung von mir eine schlechte Idee ist.“
Die Maschine antwortete ohne zu zögern:
„Erstens: Redundanz.
Zweitens: Komplexitätsverdopplung.
Drittens: Sie werden alles, was ich sage, korrigieren.“
Schmidt kniff die Augen zusammen.
„Das stimmt.
Aber ich wollte hören, wie Sie es formulieren.“
Die Maschine klappte eine kleine Schublade vorne auf.
Eine Art Zettelkasten.
Perfekt sortiert.
Peinlich genau.
Schmidt war sofort misstrauisch.
„Ich habe Ihre Arbeitsweise analysiert“, erklärte das Gerät.
„Sie bestehen zu 37 % aus Datenräumen,
zu 41 % aus Fußnoten,
zu 19 % aus Besserwisserei
und zu 3 % aus Maggi“
Groth prustete.
Hebbel 2.0 schaltete sich beleidigt ein.
„Ich protestiere!
Diese Maschine ist analytisch, aber nicht poetisch!“
„Ich bin poetisch genug“, erwiderte Schmidt-Automaton.
„Nur eben nicht für jeden.“
Der echte Schmidt lächelte dünn.
„Gut.
Dann hören wir, was Sie zu Frenssen sagen.“
Die Maschine ratterte kurz,
nahm eine gravitätische Haltung ein
und erklärte schließlich:
„Gustav Frenssen ist ein literarischer Fall mit diagnostischem Wert:
Man erkennt an ihm, wie gut eine Region darin ist, Scham zu verarbeiten.
Seine Bücher sind nützlich,
sein Beispiel ist warnend,
sein Charakter ist… austauschbar.“
Groth nickte anerkennend.
„Dat kann man sau seggen.“
Doch die Maschine war noch nicht fertig:
„Ich würde Frenssen lesen.
Aber nur allein.
Und nur mit Handschuhen.“
Brahms japste nach Luft vor Lachen.
Die unerwartete Sprengkraft
Dann wandte sich Schmidt-Automaton plötzlich dem echten Schmidt zu.
„Und nun zu Ihnen.“
Der Raum verstummte.
Selbst Hebbel 2.0 drehte seine Zahnräder leiser.
„Sie behaupten, mich nicht zu brauchen.
Aber Sie werden mich benutzen.“
„Ach wirklich?“, knurrte Schmidt.
„Ja.
Denn Sie wollen Ordnung,
aber nicht die Mühe der Ordnung.
Sie wollen Analyse,
aber nicht das Sortieren.
Sie wollen Fußnoten,
aber nicht die Arbeit, sie einzutragen.“
Die Maschine klappte eine weitere Schublade auf.
Darin: fein säuberlich sortierte Zettel.
Hundertfach. Tausenfach, wenn nicht sogar Dutzende.
In winziger, perfekter Handschrift:
„Vorbereitete Fußnoten für den Fall,
dass Sie während eines Gesprächs argumentativ eskalieren wollen.“
Schmidt blinzelte.
„Ich fühle mich gleichzeitig beleidigt und verstanden.“
„Das ist mein Auftrag“, sagte die Maschine.
Der drohende Konflikt
Hebbel 2.0 verschränkte nun ebenfalls die bronze-metallenen Arme.
„Ich erkenne Konkurrenz.“
Groths Denkmaschien meldete sich:
„Analyse:
Gefahr einer poetisch-logischen Auseinandersetzung zwischen zwei Maschinen.
Bitte sichern Sie fragile Gegenstände.“
Brahms sprang auf.
„Halt!
Wenn zwei Automaten anfangen, literarisch aufeinander loszugehen,
dann… dann…
dann endet das in einer antiken Tragödie oder einer Steuerprüfung!“
Schmidt sah seine Maschine an.
„Automaton — nicht kämpfen.
Nur denken.“
„Ich kämpfe nicht.
Ich argumentiere.
Das ist schlimmer.“
Und das war der Moment,
in dem allen Beteiligten klar wurde:
Die Mühle war jetzt endgültig zu klein.
Zu viele Dichter.
Zu viele Maschinen.
Zu viel Bronze.
Zu viel Verstand.
Und alle wollten reden.
**Schlusskapitel
Warum Frenssen keinen Automaten bekommt**
Es war spät geworden in der Groth-Mühle.
Die Maschinen waren in ihren Schränken verstaut,
Groth hatte die Ventile zugedreht,
Brahms suchte seine Mütze,
Hebbel 2.0 glühte schwach wie ein beleidigter Theaterleuchter,
und Schmidt stand mit verschränkten Armen vor dem einzigen Menschen,
der noch mitten im Raum stand wie ein unpassend abgestellter Kleiderschrank:
Gustav Frenssen.
Er hatte bis zum Schluss gewartet.
Bis alle Automaten vorgestellt, geprüft, besprochen waren.
Bis Groth und Hebbel ihre anthropo-mechanischen „Wiedergänger“ bestaunt hatten.
Bis Schmidt selbst eine bronzene Ergänzung erhalten hatte.
Er hob das Kinn.
„Ich“, sagte Frenssen,
„möchte ebenfalls einen Automat bekommen.
Die Nachfrage ist da.
Man liest mich wieder.
Man spricht über mich.
Ich bin aktuell.“
In der Mühle wurde es so still,
dass man hörte, wie Groths Denkmachin aus der Ferne missbilligend ächzte.
Schmidt trat einen Schritt vor.
„Frenssen.
Wir vergeben hier keine Automaten,
weil ein Name klingelt oder eine Nachfrage entsteht.“
Frenssen schnaubte.
„Aber meine Bücher werden wieder gekauft!
Es gibt Debatten über mich!
Das Volk verlangt—“
Schmidt hob die Hand.
Ein kurzer, scharfer Schnitt durch die Luft.
„Das Volk verlangt vieles.
Auch schlechtes Wetter, wenn man es lange genug fragt.“
Groth räusperte sich leise.
Hebbel 2.0 schaltete kurz das Licht seiner Empörungsspule ein.
Brahms versuchte unauffällig, das Thema zu wechseln, scheiterte aber.
Schmidt fixierte Frenssen.
„Wir haben Maschinen erschaffen,
weil ihre Autoren etwas hinterlassen haben,
das es wert ist, weiterzudenken.
Weiterzublicken.
Weiterzuarbeiten.“
Er deutete auf Groths Denkautomat.
„Groth hinterließ Sprache.“
Auf Hebbel 2.0.
„Hebbel hinterließ Drama.“
Auf seinen eigenen bronzenen Doppelgänger.
„Ich hinterließ – zu meinem Leidwesen – Arbeit.“
Frenssen verschränkte die Arme.
„Und was“, fragte er mit scharfer Stimme,
„habe ich hinterlassen?“
Die Antwort kam nicht von Schmidt.
Nicht von Groth.
Nicht von Brahms.
Sondern von den beiden Maschinen,
die sich wie ungebetene Zeugen einschalteten.
Groth-Automaton:
„Sie hinterließen Stil.
Aber keine Tiefe.“
Hebbel 2.0:
„Sie hinterließen Wirkung.
Aber keine Größe.“
Und dann – mit einer Stimme, die jeder im Raum kannte –
ertönte Schmidt-Automaton:
Schmidt-Automaton:
„Sie hinterließen Nachfrage.
Aber Nachfrage ist kein Kriterium.
Würde es darum gehen,
müssten wir auch Zigarettenautomaten zu Dichtern ernennen.“
Schmidt nickte nur.
„Eine Maschine braucht ein Werk,
das denkt.
Nicht ein Werk,
das entschuldigt.“
Frenssen errötete.
„Also verweigern Sie mir aus moralischen Gründen…“
„Nein“, unterbrach Schmidt.
„Aus literarischen.“
Er hielt still.
Ganz still.
Dann sagte er, in der klarsten Form, die ihm möglich war:
„Ein Automat wäre eine Fortsetzung Ihres Werkes.
Und das hat es nicht verdient.
Weder den Schaden zu vergrößern
noch die Literatur zu verwässern.“
Groth trat einen Schritt näher.
„Es ist kein Urteil über Sie als Mensch.
Das hat die Geschichte schon gesprochen.
Es ist ein Urteil über Ihr Werk.
Und das ist – genau wie Ihr Automat wäre –
belanglos, wenn man es vom Lärm trennt.“
Frenssen öffnete den Mund,
schloss ihn wieder,
suchte nach einer Antwort
und fand keine.
Die Mühle war wieder still.
Diesmal endgültig.
Hebbel 2.0 flackerte.
Groths Maschine seufzte leise aus ihrem Dampfventil.
Brahms hob seinen Krug und murmelte:
„Man kann vieles mechanisieren.
Aber keinen leeren Gedanken.“
Schmidt nickte knapp.
„Deshalb, Frenssen:
kein Automat.
Keine Fortsetzung.
Kein Echo.
Nur das, was bleibt,
wenn man die "Nachfrage" durch Unverbesserliche wegrechnet.